Kategorie: Rezension
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“Zerbrich mein nicht“ von Sibylle Reuter
„Meine Mutter starb, als sie noch ein halbes Jahr zu leben hatte. S. 197 Sibylle Reuters Debütroman beginnt mit einer Konstellation, die in ihrer Komplexität fast schon programmatisch für das Buch wirkt. Geboren wird die Erzählerin in Sofia, von einer Mutter, die Bulgarien hasst, und einem ostdeutschen Vater im diplomatischen Dienst, der bald aus dem
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„Laute Nächte“ von Anna Freytag
„Ich war 19, als ich gestorben bin.” (S. 301) Dieser Satz fällt nicht am Anfang des Romans, er fällt fast beiläufig und am Ende. Es ist Kenni, der ihn denkt: ein junger Neunzehnjähriger, dessen Freundin Jasmin bei einem Autounfall ums Leben kam, der seit diesem Moment nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist und ob
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„Die Puppe“ von Tanja Raich
„Die ideale Frau ist die passive Frau.“ Seite 35 Sie ist aus Wachs geformt worden, aus Knochen geschnitzt, aus Stoff genäht, aus Porzellan gebrannt und schließlich in Kunststoff gegossen. Die Puppe ist eines der ältesten Spielzeuge der Menschheit, und sie hat überlebt: Kriege, Moden, Ideologien, Emanzipationswellen. Tanja Raich, Lektorin, Romanautorin und feministische Herausgeberin aus Wien,
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„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer
„Alles, was wild und frei ist, ist rot“. S. 73 Es gibt Sommer, die sich entfärben. Die ihre Wärme, ihre Farben verlieren, noch bevor man benennen kann, warum. Eva Pramschüfer, Jahrgang 1997, Journalistin und Debütautorin, nennt ihren Roman „Weißer Sommer” und lässt das Weiß für eine Leere stehen, ein Ausbleichen aller Farben, das schon begonnen
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„Karacho“ von Susanne Schirdewahn
„Ich lasse das Leben zu.“ S.154 Sie sitzt am Fenster, schaut in die Wolken. Gerade ist er gefallen, dieser Satz: Ich liebe dich nicht mehr. Susanne Schirdewahn setzt ihre Protagonistin in diesem einen Moment aus, bevor alles beginnt. Kein Anlauf, kein Vorzeichen. Nur die Stille nach dem Einschlag. Das ist ganz nach meinem Geschmack, und
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„Gelbe Monster“ von Clara Leinemann
„Ich habe meinen Freund geschlagen.“ Seite 61 Sie sitzt in der Straßenbahn, das Gesicht deformiert, ein blaues Auge überschminkt, und fährt zum Antiaggressionstraining. Charlie, Mathematik-Masterstudentin, kurz vor dem Doktorat, Postdoc-Angebot in Madrid in der Tasche. Eine Frau mit Zukunft. Und mit einem Problem, das sie sich zunächst vehement weigert, als ihres anzuerkennen. Wer von einer
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Ost*West*frau*
„Die neuen Westchefs ließen zuerst die Werktätigen DDR Frauen über die Klinge springen.“ Seite 62 Was ist eine Frau in Deutschland? Die Antwort hängt davon ab, auf welcher Seite der Mauer man aufgewachsen ist, und sie ist komplizierter, als die mehr als drei Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung vermuten lassen. Das ist die Ausgangsthese dieses vielstimmigen
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„Das war nicht anders möglich“ von Adrian H. Koerfer
„Bei uns regierten nur Geld und Kälte.“ S 29 Der Titel des Buches ist auch der letzte Satz im Buch. Dazwischen liegt ein Martyrium. Der Autor, Adrian H. Koerfer, Jahrgang 1955, Kunsthistoriker, Germanist, Träger des Bundesverdienstkreuzes, legt mit diesem Memoir keine literarische Fingerübung vor. Er legt Zeugnis ab. Über eine Kindheit, die ihren Namen kaum
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„Es war nicht anders möglich“ von Svenja Liesau
„Verlust ist auch bloß eine Challenge, die es zu meistern gilt.“ S.20 Berliner Nächte haben eine eigene Grammatik. Man betritt eine Eckkneipe, ruft ein lautes „Nabend” in den Raum und ist drin. Unaufgefordert segelt eine Weißweinschorle und ein Wodka auf den Tisch. Die Stammtrinker nicken. Die Stammtischphilosophen schwafeln im breiten Berliner Dialekt vom Rand der
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Wer bist Du? von Monika Helfer
Das Vexierbild der Seele. Es gibt ein altes Kinderlied vom Mops, der in die Küche kam und dem Koch ein Ei stahl. Wie in einer unendlichen Schleife knüpft die letzte wieder an die erste Strophe an, diesen Eindruck hatte auch Monika Helfer’s Novelle „Wer bist Du?” Doch sie ähnelt nicht nur dem Endlosrein der Kindheit,
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„Das Klo“ von Franzobel
„In der zivilisierten Welt ist das Klo so tabuisiert wie der Tod.“ S. 19 Kein Thema für die Öffentlichkeit? „In der zivilisierten Welt ist das Klo so tabuisiert wie der Tod.” Franzobel hat recht. Und weil er recht hat, schreibt er ein Buch darüber. Man könnte meinen, das sei Provokation um der Provokation willen; aber


