„Ich war 19, als ich gestorben bin.” (S. 301)
Dieser Satz fällt nicht am Anfang des Romans, er fällt fast beiläufig und am Ende.
Es ist Kenni, der ihn denkt: ein junger Neunzehnjähriger, dessen Freundin Jasmin bei einem Autounfall ums Leben kam, der seit diesem Moment nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist und ob es noch einen Weg zurück ins Leben gibt. Anne Freytag, die mit *Blaues Wunder* und *Lügen, die wir uns erzählen* bereits bewiesen hat, dass zeitgenössische deutschsprachige Unterhaltungsliteratur keine seichte sein muss, legt mit *Laute Nächte* ihren neuen Roman vor, der 2026 im Kampa Verlag erschienen ist.
Kenni verlässt München, eine Stadt, die ihn an alles erinnert, was er verloren hat, und zieht nach Wien. In einer WG mit vier Klingeln beginnt etwas, das er nicht gesucht hat: Gemeinschaft.
Paul, der das Tennisspielen aufgegeben und nichts Neues begonnen hat. Elif, die redet und nervt und lacht, als würde sie einen schon ewig kennen. Julia, so leise, dass man nie weiß, ob sie zu Hause ist. Und Kenni selbst: ein Geist, so nennt er seinen Zustand. Jemand, der funktioniert, ohne zu leben, der anwesend ist, ohne da zu sein. Unter seinem Bett liegt eine Blechkiste mit fünf CDs: „Sleeping, Driving, Fucking, Chilling, Dancing” (S. 110), der Soundtrack einer Reise, die er und Jasmin nie gemacht haben. Den alten VW Bus zum Camper umgebaut, den Sommer in Frankreich geplant, und dann: nichts mehr.
Freytag erzählt diese Geschichte aus Kennis Innenperspektive, in langen, unausweichlichen inneren Monologen. Wir hören ihm zu, wie er fühlt und dann nicht handelt, wie er denkt und das Denken doch nicht in Worte fasst, wie er sich in eine Verliebtheit zu Elif hineintreibt, die er sich sofort wieder verbietet, weil eine tote Freundin, so sein innerer Richter, nicht verraten werden darf. Die psychologische Tiefe, mit der Freytag Trauer als Erstarrung beschreibt, als Zustand jenseits des Weinens, als leere Hülle, die alles Außen wahrnimmt und nichts Innen zulässt, ist das eigentliche Verdienst dieses Romans.
Handwerklich interessant ist Freytags Umgang mit der Zeit. Sie setzt die Zeitstruktur als Spannungsinstrument ein: Zukünftiges wird früher erzählt, als es geschieht, ein Foreshadowing, das Erwartung aufbaut. Wenn dann im dritten Teil die Vergangenheit wieder aufgerollt wird, obwohl man längst in der Gegenwart angekommen zu sein schien, entsteht zunächst Widerstand. Doch Freytag löst dieses Versprechen ein: Sie zeigt nicht dasselbe nochmals, sie zeigt Neues. Szenen, in denen das Unwohlsein der Figuren körperlich spürbar wird, fast schmerzt. Keine Wiederholung, sondern ein Freizügigmachen von dem, was beim ersten Durchgang noch verborgen blieb.
Der Roman stellt sich, ohne es programmatisch zu tun, Fragen, die über Kennis Geschichte hinausgehen: Was bedeutet Scheitern? Welche Schuld entsteht, wenn man weiterlebt?
„Laute Nächte“ ist eine Liebesgeschichte aber auch ein Buch über verpasste Gelegenheiten, ungesagte Worte und die überbordende Verunsicherung von Menschen angesichts eines unwiederbringlichen Verlustes. Anne Freytag schreibt, was sich zwischen den Zeilen aufhält, was sich nie ganz in Sprache übersetzen lässt, und genau dort, in diesem Zwischenraum, entfaltet der Roman seine fesselnde Wirkung.
Eine Frage treibt um: Kenni tritt eine Reise an, die nie seine war: Jasmins Orte, Jasmins Plan, er hatte sich nie durchgesetzt. Dass ausgerechnet diese Reise seine Katharsis sein soll, bleibt die wohl unbehaglichste Frage des Romans. Freytag stellt sie nicht explizit. Aber: Was, wenn die Trauer nicht nur dem Tod gilt, sondern auch dem, der Kenni in dieser Beziehung nicht sein durfte?



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