“Zerbrich mein nicht“ von Sibylle Reuter

„Meine Mutter starb, als sie noch ein halbes Jahr zu leben hatte. S. 197

Sibylle Reuters Debütroman beginnt mit einer Konstellation, die in ihrer Komplexität fast schon programmatisch für das Buch wirkt. Geboren wird die Erzählerin in Sofia, von einer Mutter, die Bulgarien hasst, und einem ostdeutschen Vater im diplomatischen Dienst, der bald aus dem Leben der Tochter verschwindet.

Die Familie der Mutter stammt aus Graz. Drei Orte, drei Sprachen, drei mögliche Zugehörigkeiten, und keine, die selbstverständlich Heimat wäre. Aus dieser Ausgangslage entfaltet Reuter eine Geschichte über Verlust und über den Mut, eigene Wege zu gehen, getragen von autofiktionalen Spuren.

Die Kindheit in Sofia ist eine Kindheit der Improvisation. Geld ist knapp, politische Enge spürbar, und doch gelingt es der Mutter, immer wieder Freiräume zu schaffen, die im sozialistischen Bulgarien eigentlich den Apparatschiks vorbehalten sind.

Es gibt ein Ferienhaus, es gibt Wege an Orte, die andere nicht betreten dürfen. Die Tochter hat ein eigenes Zimmer, aber kein eigenes Bett, denn bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr schläft die Mutter neben ihr. Diese körperliche Nähe ist Geborgenheit und Bindung zugleich, ein Verhältnis, das fast liebevoll ist, solange das Kind die Bedürfnisse der Mutter erfüllt.

Dass diese Konstellation ihren Preis fordern wird, deutet Reuter früh an, ohne sie zu entlarven.

Die Sinnlichkeit dieser Kindheit verdichtet sich im Duft des Kozunak, jenes süßen Osterbrots, an dem sich die Meisterschaft einer bulgarischen Hausfrau erweist. Es ist eines der starken Bilder des Romans, weil es nicht nur Erinnerung evoziert, sondern auch das, was später unwiederbringlich verloren sein wird. 

Denn die Mutter plant für ihre Tochter einen anderen Weg. Graz bzw. das nichtsozialistische Ausland soll das Ziel sein, weg von der bulgarischen Nationalität, hin zu finanziellem Erfolg. 

Liebe ist in diesem mütterlichen Plan nicht vorgesehen, im Gegenteil: Die Tochter soll auf keinen Fall das bekommen, was die Mutter nicht hatte. Mit fünf wird das Mädchen in den DDR-Kindergarten der Botschaft geschickt.

Sie will sein wie die anderen Kinder, sprechen wie sie, und Letzteres gelingt ihr. Die Sprache wird zum ersten Instrument der Mutter, die Tochter aus Bulgarien herauszuformen.

In den frühen Kapiteln liegt über dem Erzählen ein trockener Sprachwitz, der die Härte der Verhältnisse abfedert, ohne sie zu beschönigen.

„Das Leben ist halt Scheiße, und sie ist alt genug, um das zu erfahren” (S. 29), heißt es lakonisch, und in dieser Lakonie ist bereits die Tiefe zu spüren, die das Buch trägt. 

Es ist die Wehmut über eine Heimat, die im selben Moment beschrieben und verabschiedet wird. Die Mutter selbst zerbricht im Lauf der Jahre.

Vom Alkohol ist die Rede, von Eigenwillen, der zur Last wird. Zum Vater besteht außer einem für die Tochter traumatischen Besuch kein Verhältnis.

An dieser Stelle verändert sich auch die Sprachtextur des Romans spürbar. Die Ironie tritt zurück, der Witz weicht einer härteren, verletzlicheren Tonlage.

Was bleibt, ist Wut: auf die Mutter, auf die Lügen über die eigene Herkunft, auf eine Geschichte, die nicht mehr erzählt werden kann, wie sie erzählt wurde. 

Anschluss im Ausland findet die Erzählerin nur noch unter Bulgaren. Sofia wird ihr fremd, ist keine Heimat mehr, und Österreich, das gelobte Land der mütterlichen Pläne, wird nicht automatisch zur neuen Heimat. Reuter beschreibt diese doppelte Entwurzelung als Prozess, der sich am Körper der Mutter und an der Sprache der Tochter zugleich vollzieht.

Nicht alle Bilder, mit denen Reuter dieses Gefühl fasst, tragen. Die Metapher des Samenkorns, das Wurzeln schlagen will und es nicht schafft und schließlich in eine Wattewelt eingeht (S. 184), bricht an der Stelle ein, obwohl der Lesende weiß, was gemeint ist. 

Auch Metapher der Schimmerin, die in den Text einbrechen will, fügt sich nicht zwingend in die Erzählbewegung. Diese Stilmittel blockieren eher, als dass sie öffnen. Sie nehmen mehr Gefühls-Raum, als sie geben.

Es ist eine kleine Schwäche in einem Buch, das ansonsten gerade in seiner Direktheit überzeugt.

Denn wo Reuter zur Sache kommt, trifft sie unbestechlich. „Meine Mutter starb, als sie noch ein halbes Jahr zu leben hatte” (S. 197). Ein Satz, den man mehrfach lesen muss, bis er Boden fasst.

Die Tochter schneidet sich den letzten Rest Mutterliebe aus dem Fleisch, als sie erkennt, dass die eigene Mutter sie eher zur Hure machen würde, als ihr ein glückliches Leben an der Seite eines guten Mannes zu gönnen. In solchen Sätzen erreicht der Roman eine Klarheit, die keine Metaphorik benötigt .

„Zerbrich mein nicht” ist ein Buch über die Frage, was bleibt, wenn die Heimat zur Erinnerung und die Mutter zur Fremden wird.

Es ist auch ein Buch über jene Form von mütterlicher Liebe, die in Wahrheit Verfügung war, und über den Mut, sich aus dieser Verfügung herauszulösen. Reuter erzählt von einer Frau, die sich selbst erst dort findet, wo sie aufhört, die brave Tochter zu sein.

Das ist, jenseits aller Schwächen einzelner Bilder, ein bemerkenswertes Debüt.

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