„Die Puppe“ von Tanja Raich

„Die ideale Frau ist die passive Frau.“ Seite 35

Sie ist aus Wachs geformt worden, aus Knochen geschnitzt, aus Stoff genäht, aus Porzellan gebrannt und schließlich in Kunststoff gegossen. 

Die Puppe ist eines der ältesten Spielzeuge der Menschheit, und sie hat überlebt: Kriege, Moden, Ideologien, Emanzipationswellen. Tanja Raich, Lektorin, Romanautorin und feministische Herausgeberin aus Wien, widmet ihr in der feinen Reihe „Dinge des Lebens” des Residenzverlags einen schmalen, aber höchst dichten Essay. 64 Seiten, der es in sich hat.

Raich nähert sich der Puppe nicht als Antiquarin, sondern als Analytikerin. Der historische Rückblick dient ihr dabei als Fundament.

Es gab Puppen als Grabbeigaben, als Ersatz für Menschenopfer, als Devotionalie. Doch der eigentliche Impuls des Essays ist ein anderer: Was erzählt uns die Puppe über uns? Über Gesellschaft, Geschlecht, Begehren, Macht?

Anfang des 20. Jahrhunderts ist es Käthe Kruse, die die Puppe demokratisiert. Statt handgefertigter Sammlerstücke für adlige Kinderzimmer schafft sie Puppen, die sich wie echte Kinder anfühlen sollen. Der pädagogische Auftrag ist explizit: Mütterlichkeit trainieren, Fürsorge einüben, das Mädchen vorbereiten, denn die Puppe gehört in Mädchenhände.

Raich’s Schlußfolgerung: Fürsorglichkeit ist keine biologische Veranlagung. Sie ist antrainiert, eingeübt, in unzähligen Stunden mit der Puppe auf dem Arm. Im Spielzimmer werden soziale Normen geformt.

Zwischen Puppentisch und Spieltheke flitzen schon dreijährige Mädchen hin- und her, den Tisch deckend, jemanden fütternd, wickelnd, tröstend. Ready für die Care-Arbeit. Die Puppe als Generalprobe für das Leben als Frau.

1959: Die Zäsur

Die Barbie, inspiriert von einem Mannequin, erwachsen, blond, mit Brüsten, in heißer Mode und auf Mörderstilettos. Eine Puppe, die keine Mutter spielen will, sondern Karriere machen soll. Chefin. Astronautin. Präsidentin. 

Das war das Versprechen. Die Realität, schreibt Raich trocken, ist auch 2025 eher ein frommer Wunsch, sieht man sich die Frauenquote in Chefetagen an. 

Dafür hat Barbie ein Schönheitsideal geprägt, das bis heute Schönheitschirurgen reich macht und junge Frauen krank.

Die Puppe ist also auch Projektionsfläche. 

Sie nimmt alles an: Zuneigung, Aggression, Fantasie, Angst. Toni Morrison hat in „Sehr blaue Augen” gezeigt, was es bedeutet, wenn ein schwarzes Mädchen eine weiße Puppe begehrt, wenn das Schönheitsideal der Puppe zum Maßstab des eigenen Unwerts wird. Raich verweist auf diesen Text zu Recht, denn Morrison hat früher und schärfer als die meisten erkannt, dass die Puppe nie unschuldig war.

Und dann ist da noch das Unheimliche. Sigmund Freud hat den Begriff für jene spezifische Angst geprägt, die entsteht, wenn das Vertraute sich als fremd erweist, wenn Lebloses lebendig zu werden scheint. Die Puppe bewohnt diese Schwelle. 

Pinocchio will Mensch werden. Frankenstein ist aus Leichenteilen zusammengenäht. Chucky schlägt die Augen auf. Und im Film „Poor Things” von 2023 treibt Yorgos Lanthimos dieses Motiv zur surrealen Spitze: ein Frauenkörper, ein Kinderhirn, eine Emanzipationsgeschichte, die mit dem Skalpell beginnt.

Im letzten Drittel schlägt der Essay seinen schärfsten Ton an. Es ist kein Zufall, schreibt Raich, dass Frauen als Puppen bezeichnet werden, als Miezen, als Zuckerpuppen, als süße Bienchen mit Babydoll-Gesicht. 

Die Schlager kennen diese Sprache gut. Machen u.a. sie die Frau zum austauschbaren Objekt, sexualisiert, verfügbar. 

Und jedes Objekt, so die bittere Logik, hat einen Besitzer, wen? Das steht schon in der Bibel.

Die Krönung ist das Puppenbordell. Raich stellt die Frage ohne falsche Empörung: Ist die Sexpuppe der geborene Männertraum, die passive Frau, das totale Objekt? Oder ist sie ein Safe Space, der Sexualität befruchtet, ohne Schaden anzurichten? „Die ideale Frau ist die passive Frau” (S. 35), zitiert Raich. Dieser Satz braucht keinen Kommentar mehr.

Fazit;

„Die Puppe” ist ein kleines Buch mit einer ordentlichen Selbstbestimmungsdebatte zwischen den Seiten. 

Es ist kein Zufall, dass diese 64 Seiten mehr aufwerfen, als viele dickere Bände lösen. 

Tanja Raich schreibt klug und unterhaltsam vom Puppenzimmer über das Puppenheim bis zur Entpuppung: eine überraschende Puppengeschichte

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