Schlagwort: Highlight
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„Verlorene Schäfchen „ von Madeline Cash
„Wenn sich ein Schaf verirrt, wird es meistens von Wölfen gerissen, weil es ohne die Herde schutzlos ist.“ (S. 118) Man verirrt sich selten auf einen Schlag. Man biegt ab, einmal, dann noch einmal, und irgendwann hält man den Umweg für den Weg. Die Schäfchen dieses Romans sind an diesem Punkt längst angekommen. Ihr Hirte,…
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„Boulder“ von Eva Baltasar
„Das Leben, das nichts als eine Blumenwiese zu sein scheint, hat schon erste Löcher.“ (S. 10) Ein Satz des scheinbaren Idylls, dass gerade in Auflösung begriffen ist, bevor man sich darin einrichten kann. Eva Baltasars „Boulder“ ist nach diesem Muster gebaut: Jede Gewissheit trägt ihren Riss schon in sich. Boulder ist Selfmade-Köchin, in der Küche…
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„Alice“ von Marlen Mairhofer
„Alice will einfach aufhören zu weinen.“ (S. 69) Der Satz ist nach der Grammatik gebaut, nach der der ganze Roman funktioniert: ein Name, ein Verb, kein Kommentar. Die Besprechung von Marlen Mairhofer’s Debüt soll mit einem Wortspiel beginnen, das den Sturz von Lewis Carrolls Alice in den Kaninchenbau in seine Redewendungen zerlegt. Alice fällt hin, fällt…
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„das Tempo“ von Wiebke Porombka
„(P)aßt du nicht auf den Omnibus, fährt er dich zu Appelmus.“ S.32 Dass ein Großstadtroman seine Verkehrswarnung im Takt eines Kinderreims ausspricht, verrät bereits die Anlage des ganzen Essays: Tempo erscheint hier nicht als Fortschrittsbegriff, sondern als Rhythmus, der jederzeit zwischen Bedrohung und Pointe kippen kann. Seit einigen Jahren lädt der Grazer Literaturverlag Droschl in…
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„Liefern“ von Tomer Gardi
„Auf der Straße hassen Sie uns, weil wir zu schnell fahren, zu Hause hassen Sie uns, weil wir zu langsam sind.“ (S. 153) Der Satz adressiert uns als Kundschaft und kennt für seine Sprecher kein richtiges Tempo. Zwischen zu schnell und zu langsam liegt kein Ort, und genau dort arbeiten die Rider. Ein Tipp aufs…
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„Anton und Alma“ von Dana Vowinckel
Ein normaler Jude zu sein bedeutete, kaputt zu sein. Nicht normal zu sein. Es gab keine normalen Juden. (S. 182) Was wie ein beiläufiger Gedanke Antons klingt, legt bereits die Grundspannung des Romans offen: eine Identität, die sich stets vom Ausnahmezustand her definiert, nie vom Normalfall. Anton und Alma begegnen sich zweimal, als Jugendliche in…
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„Memoires of Heidelberg“ von Heinz Strunk
„Siebzehn Jahre Ehe haben ihre Konversation auf ein Minimum eingedampft.” (S. 18) Bertram und Isolde haben das Reden längst durch Routine ersetzt. Ihre Ehe haben sie einen schleichenden Verstummen ausgesetzt, die nur an der Oberfläche weiterfunktioniert. Manche Ehen sterben nicht, sie verwesen bei laufendem Betrieb, und niemand schließt den Laden. Der Anlass ihrer Reise nach…
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„Mittelberge“ von Kerstin Specht
„Der Krieg ist ein Besen, er hat Leute auseinander – und zusammengekehrt.“S.119 „Sie schöpft Wörter ab / wie Rahm / Schmeckt an den Bedeutungen / die sind unerschöpflich” (S. 69) Dieser Vierzeiler, eingebettet in eines jener Gedichte, die den Roman kapitelweise unterbrechen, liest sich wie eine Selbstauskunft über dieses Buch. Kerstin Spechts erster Roman „Mittelberge”…
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„Lori“ von Anousch Mueller
„Ein Geheimnis, das keines mehr ist, wird zur Lüge” (S. 7), heißt es im Prolog von Anousch Muellers Roman „Lori”, und dieser Satz legt bereits die ganze Konstruktion des Buches offen: eine ältere Schwester, von den Eltern totgeschwiegen, an die sich die Erzählerin Helena, genannt Leni, im Alter von acht Jahren dennoch wieder erinnert. Von…
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„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien
„Aber ich trage zu viel Wut in mir. Alles was glänzt, mache ich kaputt.“ Ein Roman, der da beginnt, wo das Leben einsetzt: im Körper einer Frau, im Vorsprachlichen, im Ursprungsraum vor aller Erinnerung. Lilli Tollkiens Debüt beginnt im Uterus. Lale wird in eine Welt geboren, die nicht auf sie gewartet hat, und der Roman…
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„Geschwister“ von Moa Herngren
„Geschehen ist geschehen und gesehen ist gesehen,“ S.421 Familien sind Archive. Jedes Mitglied verwaltet ein eigenes Exemplar. Dasselbe Ereignis, denselben Vater, dieselbe Kindheit. Und weil niemand ins Archiv des anderen schaut, entstehen mit der Zeit drei, vier vollkommen verschiedene Versionen einer einzigen Wirklichkeit. Moa Herngren macht daraus Literatur. „Geschwister“ ist der dritte und abschließende Band…
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„Kurz bevor der Tag beginnt, ist die Nacht am dunkelsten“ von Wolf-Ingo Härtl
„Wieviel ist ein Menschenleben noch wert“ Seit sechs Jahren bringt Marie Menschen gegen Bezahlung um. Sie hält ihre Arbeit für verwerflich, aber nicht für unmoralisch, und in dieser feinen Unterscheidung liegt bereits der ganze Abgrund der Figur. Seit Anbeginn der Zeit, so ihre Logik, bringen Menschen Menschen um, und wo sie es nicht selbst tun,…

