„Alles, was wild und frei ist, ist rot“. S. 73
Es gibt Sommer, die sich entfärben. Die ihre Wärme, ihre Farben verlieren, noch bevor man benennen kann, warum.
Eva Pramschüfer, Jahrgang 1997, Journalistin und Debütautorin, nennt ihren Roman „Weißer Sommer” und lässt das Weiß für eine Leere stehen, ein Ausbleichen aller Farben, das schon begonnen hat, bevor die Geschichte einsetzt. Es ist ein Titel, der mehr verspricht als Melancholie: Er kündigt eine Erschöpfung an, das stille Ende von etwas, das einmal leuchtete.
Pramschüfer erzählt eine Liebesgeschichte, die ausgerechnet beim Tod von Almas Großvater ihren Anfang findet. Eine Liebe, geboren am Rand des Verlustes.
Alma und Théo, beide Mitte zwanzig, beide kreativ, beide grundverschieden in ihrer Herkunft und in dem, was sie von der Welt erwarten. Er kommt aus einem kleinen Ort nahe Marseille, für ihn kein Ort des Übergangs, sondern Zuhause. Nah an den Menschen, nah am Vater, der ihm die Familie ersetzt.
Die Mutter hielt die dörfliche Enge nicht aus und verschwand ins laute Berlin; Théo fertigt heimlich Hand-Skulpturen an. Hände, die für so vieles stehen: für das, was blieb, und für das, was ging.
Für Alma dagegen ist dieser Ort nur ein sommerlicher Zwischenstopp. Ihre Familie besitzt hier ein Ferienhaus, ist wohlhabend, gepflegt auf Distanz. Der Vater Anwalt, die Mutter ehemalige Balletttänzerin, ihre Ehe lakonisch als „erstaunlich beständige Farce” beschrieben. Zuneigung erfährt Alma nur als etwas, das an eine Gegenleistung geknüpft ist.
Die Autorin erzählt nicht linear, sondern in Schichten: Gegenwart und Rückblende wechseln einander ab wie Atemzüge. Erst füllt man sich mit diesem neuen Glück, atmet tief ein beim zarten Aufeinandertreffen zweier Menschen, die sich erkennen, die sich zärtlich begegnen.
Eine Sommerliebe entsteht, die nicht mit der Zukunft anbändelt, die unverbraucht und leicht daherkommt. Doch jeder Sommer endet.
Alma kehrt nach München zurück, um ihr Journalismusstudium abzuschließen, und das Vermissen setzt ein: tägliche Telefonate, stundenlang. Théo träumt von ihr, sehnt sich nach ihr, will mit ihr in einem Raum sein. Und so folgt er ihr nach München.
Was dann folgt, ist das eigentliche Herz des Romans: die Verschiebungen. Die leisen, fast unmerklichen Verrückungen, die eine Liebe zum Wanken bringen, ohne dass man den genauen Moment benennen könnte.
Alma merkt, dass das Studium nicht das Ihre ist. Sie will malen, etwas erschaffen, in den Farben verschwinden, losgelöst von der Existenz. „Alles, was wild und frei ist, ist rot” (S. 73), heißt es im Roman, und Alma will rot sein. Rot, frei, ungezähmt. Ein Erasmus-Stipendium bringt sie nach Paris: hungrig, unter Strom, tanzend auf dem Vulkan, will sie alles auskosten und doch Théos Geborgenheit nicht verlieren.
Er, der für sie nach München gekommen ist, bleibt sechs Monate allein zurück. „Ihre Abwesenheit war so groß, so laut, so allumfassend” (S. 173).
Pramschüfer findet für dieses Ungleichgewicht ein Bild, das sich festsetzt: „Ihre Liebe ist eine Wippe, eine Person muss immer die Füße im Sand haben, um den anderen hoch zu befördern, nie genießen sie gemeinsam die Aussicht, einer schwingt immer allein die Beine in der Luft” (S. 66).
Das ist das Dilemma, das sich durch den ganzen Roman zieht, keine dramatische Katastrophe, kein Verrat, kein eindeutiger Bruch, sondern das geduldige, quälende Wissen, dass zwei Menschen einander lieben und sich dennoch im Weg stehen.
Auf der Metaebene geht es um das Erbe der Kindheit. Alma kann ihre Beziehung zu Théo nicht klar denken, weil sie nicht klar lieben gelernt hat. Die elterliche Liebe war konditioniert; und so fragt sie sich nun nicht nur, ob sie Théo liebt, sondern ob sie überhaupt weiß, wie bedingungslose Liebe sich anfühlt, und ob sie sich diese erlauben darf. Die tiefere Frage des Textes lautet: Ist Festhalten Liebe, oder ist es Angst vor dem, was ohne diese Liebe von einem übrig bleibt?
Eva Pramschüfer schreibt in einer Sprache, die fließt, die melodisch und bildhaft ist, die wärmt wie ein von einem guten Rotwein begleiteter Sonnenuntergang.
Man atmet Paris, die Beschreibung von jugendlicher Tatkraft, altem französischen Charme, köstlichem Essen und Wein in langen Nächten.
Dann stolpert man ins laute Berliner Nachtleben und durch den Clubnebel, herzbebenend. Zwei Leben, geprägt von Dissonanzen: das intellektuell inszenierte Paris, das harte Auftreffen auf das Berliner Szenetreiben. Eine, die auflebt. Einer, der untergeht. Dazwischen eine Liebe, eingehüllt in den dichten Nebel des Schweigens.
Dass dies Pramschüfers erstes Buch ist, erscheint kaum glaubhaft. Sie schreibt mit einer Reife und Sprachpräzision, die auf eine lange innere Auseinandersetzung mit dem schließen lässt, worüber sie schreibt: die erste große Liebe, das Verhältnis zwischen Freiheit und Bindung, zwischen dem, was man sich erträumt, und dem, was man zu geben imstande ist.
„Weißer Sommer” stellt die richtigen Fragen, mit stilistischer Feinheit und viel Herz.



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