„Aber so ist der Mensch; er denkt nur, was ihm gefällt“ Seite 6
Schon der Titel ist ein Versprechen, das sich nicht einlösen lässt. Rückverwandlung, das klingt zunächst nach Märchen, nach dem Kuss, der den Frosch wieder zum Prinzen macht, nach den Schwänen, die zu Elisas Brüdern werden, nach jener Erlösung, die das Volksmärchen so verlässlich gewährt, weil es ohne sie nicht existieren könnte.
Es klingt aber auch nach jener leisen, nie ausgesprochenen Sehnsucht Gregor Samsas, die Kafka offenlässt, weil Gregor in seinem Käferpanzer stirbt, bevor das Wort überhaupt fallen darf.
Psychologisch betrachtet schwingt etwas Regressives mit, eine Bewegung zurück in einen früheren Zustand, die je nach Blickwinkel als Heilung oder als Rückfall gelesen werden kann.
Und politisch ist Rückverwandlung ein präziser Begriff aus den Debatten um Restitution, um das Zurückgeben von Geraubtem in seine ursprüngliche Form oder Eigentümerschaft. Marcus Hammerschmitt, der diesen Band so genannt hat, kennt die Mehrdeutigkeit seines Wortes genau!
Hammerschmitt, in Tübingen ausgebildeter Philosoph und Literaturwissenschaftler mit einer Abschlussarbeit über Adornos Minima Moralia, ist eine Doppelbegabung. Auf der einen Seite die philosophische Schule, auf der anderen die Imagination eines vielfach ausgezeichneten Autors phantastischer Literatur.
Beides prägt diese Prosa bis in den kleinsten Text. Michael Braun hat ihn einmal einen poetischen Wahlverwandten von Aichingers Poetik der Finalität genannt und seine Prosa als vexierbildhaft beschrieben.
Genau das geschieht beim Lesen. Man sieht eine Figur, dann eine andere, beide stehen zugleich auf dem Papier.
Der nun bei der Edition Monhardt erschienene Band versammelt Kurzprosa aus fast einem Jahrzehnt. Es ist eine Sammlung, die der kleine Berliner Verlag, der seit zehn Jahren mit feinem Gespür Lyrik, Kurzprosa, Essays und Reportagen verlegt und sich besonders dem Übersetzen aus Südosteuropa widmet, sich selbst zum Jubiläum geschenkt hat.
Schon Hammerschmitts früherer Kurzprosaband *Waschaktive Substanzen* (Edition Monhardt, 2016) wurde von Monika Grütters im SWR-„lesenswert-Quartett” empfohlen, was etwas über die Aufmerksamkeit sagt, die diese kleine, sorgfältig gemachte Reihe jenseits des Marktes erreicht. „Rückverwandlung“ knüpft an die *Waschaktiven Substanzen* an, geht aber thematisch weiter. Die Verwandlung selbst, das Hin- und Hergehen zwischen Zuständen, das Aufbrechen scheinbar fester Gestalt, wird zum durchgehenden Verfahren.
Was Hammerschmitt schreibt, ist Beobachtungsprosa, die kurz vor dem Kippen steht. Die Texte beginnen in einer wiedererkennbaren, fast banalen Welt und führen ihre Gegenstände mit einer leisen Verschiebung in eine zweite, in der die Voraussetzungen des Gesehenen nicht mehr gelten. „aber so ist der Mensch; er denkt nur, was ihm gefällt” (S. 6) heißt es früh im Band, und der Satz liest sich rückblickend wie eine poetologische Selbstauskunft.
Das Denken nimmt aus dem Wahrgenommenen, was es brauchen kann, der Rest fällt weg. Hammerschmitts Prosa setzt genau dort an, wo dieser Filter arbeitet, und macht sichtbar, was er aussortiert.
In *Dieses Lied* trifft den Erzähler im Supermarkt eine kurze Tonfolge, acht Töne, mehr nicht. Sie hebt ihn aus der Routine, schützt ihn vor der unfreundlichen Besetzung der Infotheke wie ein Schutzmantel, und er nimmt sie samt der Einkäufe mit nach Hause. Das ist auf der Oberfläche eine Anekdote über die Macht der Musik, aber Hammerschmitt verlangt mehr von ihr. Musik ist hier Zeitmaschine im strengen Sinn, sie holt Erinnerungen zurück, glückliche aber auch traurige Zeiten, sie macht jung oder alt, ohne zu fragen.
Sie hat uns in ihrer Gewalt, ehe wir bemerken, dass wir uns ihr ausliefern, und genau dieses Verhältnis von Außenreiz und innerer Verschiebung interessiert Hammerschmitt.
Eine Tonfolge wird zur magischen Hülle. Das Banale leistet, was die Magie nicht mehr leisten muss, weil sie nicht mehr behauptet wird. Hier zeigt sich, was diesen Band ausmacht: eine Prosa, die dem Alltagstrott das Magische zurückgibt, ohne in Esoterik zu verfallen.
*Orangen*, ursprünglich 2017 in der Zeitschrift Salbader erschienen, schlägt einen anderen Ton an. Hammerschmitt erzählt aus der Welt seiner Kinder, aus deren Spontanität, ihrer Abenteuerlust und der Schwere, die er ihnen durch eine Art kosmopolitischen Cineasmus nehmen kann, vielleicht aber auch nicht.
Das Persönliche kommt hier auf eine Weise zu Wort, die nirgends ins Sentimentale kippt, weil Hammerschmitt die Distanz zur eigenen Beobachtung wahrt.
Es ist eine Frage der Disziplin, nicht des Temperaments. Was den Text trägt, ist die genaue Aufmerksamkeit für das, was den Kindern zugehört, und für die Schwelle, an der die elterliche Sorge in eine Form von Erziehung umschlägt, die das Schöne weitergeben will, ohne es zu zerstören.
Schwieriger, fordernder, philosophisch ambitionierter ist *Podolog*, ein Text, der die Käsereibe an Wittgenstein ansetzt. Der Vergleich von Fußbad und Literatur klingt zunächst dadaistisch, ist aber im Kern eine sprachphilosophische Versuchsanordnung, die genau jene Begriffsoperationen demonstriert, gegen die sich Wittgensteins Spätphilosophie wendet.
Ein Text hat keine Extremitäten, er kann allenfalls im übertragenen Sinn Hand und Fuß haben. Den echten Fuß kann man abschaben, damit kein Klump entsteht. Beim Text, beim Satz, ist eine analoge Operation nötig: ein präziser Umgang mit Sprache, der nur Sachen miteinander verbindet, die sich tatsächlich aufeinander beziehen, sonst bleiben die Sätze sinnlos, so Wittgenstein. Hammerschmitt nimmt sich heraus, alte Denkmuster zu hinterfragen, indem er sie auf eine fast handwerkliche Operation zurückführt.
Sprache ist nie eindeutig, ihre Form lässt sich aufbrechen, der schlanke Fuß lässt sich aus der Verhedderung befreien. Hier zeigt sich der Tübinger Philosoph, der Adorno gelesen hat und der weiß, dass Begriffsarbeit auch eine Frage der Pflege ist. Wer alles erfassen will, ist verloren. Es genügt, die Bewegung mitzudenken, mit der ein scheinbar abseitiger Vergleich zur Erkenntnisform wird.
Im titelgebenden Stück erscheint Jesus auf einer Abwrackwerft. Er entwickelt sich dort vom obsoleten Gast zum Bewahrer und vielleicht Beschützer, jedenfalls findet er die richtigen Gesten für die ausgemusterten Walfänger, Kreuzfahrtschiffe und Zerstörer. „gerne ruft er in die rostigen Geschützläufe ausgemusterter Zerstörer hinein, das klingt so schön stählern und hohl” (S. 27).
Dieses Bild verdichtet die ganze Mehrdeutigkeit des Titels. Die Abwrackwerft ist ein Ort der Zerstörung, ein Ort des Endes industrieller und militärischer Gewalt, zugleich aber ein Ort der Rückverwandlung in Material, in Rohstoff, in den Zustand vor der Form.
Dass ausgerechnet Jesus, die zentrale Figur der christlichen Restitutionserzählung, dort Dienst tut, ist mehr als ein theologischer Witz. Es ist eine ikonografische Verschiebung, die das Erlösungsversprechen ernst und gleichzeitig fragwürdig nimmt.
Die rostigen Geschützläufe, in die er hineinruft, klingen schön, und das ist die genauere Beobachtung. Das Obsolete hat eine Würde, die ihm das Funktionierende nicht gewährt. Hier ist Hammerschmitt bei der Restitution im wörtlichen Sinn, beim Zurückgeben in einen Zustand, der nicht mehr nutzbar ist und gerade darin etwas freigibt.
Manchmal kippt der Band in ein anderes Register. Texte wie *Abschweifungen auf eigene Gefahr* setzen einen wortspielerischen, fast dadaistischen Ton, der die Lektüre an einen Punkt führt, an dem man verstummt.
Die Wortgaukelei verweigert hier die Bedeutung, die man ihr geben möchte, und das ist nicht jedermanns Sache.
Hammerschmitt scheint es nicht zu kümmern. Wer aus der Tradition kommt, in der *Minima Moralia*, Aichingers späte Texte und die phantastische Erzählung gleichberechtigt nebeneinander stehen, wer in seinen Romanen schon einmal *H-Null. Ein Deutschlandmärchen* genannt hat, der weiß, dass die Verweigerung des Sinns ihren eigenen Sinn hat.
Das Märchen funktioniert nicht nach den Regeln des Realismus, der Aphorismus nicht nach denen der Argumentation, das Vexierbild nicht nach denen der Eindeutigkeit.
Wer seine Deutungshoheit nicht hergeben kann, dem verschließt sich diese Prosa. Wer sie hergibt, wird belohnt mit einer Aufmerksamkeit, die man sonst selten zu üben Gelegenheit hat.
Was in der Summe entsteht, ist kein Erzählwerk im klassischen Sinn, sondern eine literarische Versuchsanordnung. Hammerschmitt ist Sammler, Begriffshandwerker, Beobachter alltäglicher Verschiebungen, und seine Prosa, in die man einzieht wie in ein Haus, fordert genau diese Form der Lektüre.
Man ertastet die Wände, prüft das Fundament, vergleicht die Räume mit den eigenen erlebten Denkgebäuden. In manchen ist die Decke hoch, in anderen kommt sie einem näher als gewollt. Wer dann lachend umkehrt, hat genauso recht wie die, die bleiben und nachschlagen.
Manches lässt sich nur erspüren, anderes will mit dem Wörterbuch bezwungen werden, und nicht jeder Versuch gelingt. Doch die Freude an der kleinsten Entdeckung ist groß, gerade weil sie nicht garantiert ist, und manchmal stößt man dabei auf eigene Geheimnisse, die mit dem Buch nur am Rande zu tun haben und gerade darum mit ihm zu tun haben.
Was bleibt, ist ein Band, der seine Mehrdeutigkeit nicht auflöst. Die Rückverwandlung ist Heilung und Rückfall, Erlösung und Verlust, Restitution und Regression, märchenhafte Befreiung und kafkaeske Sehnsucht zugleich.
Hammerschmitt hält das Wort offen und legt nicht fest, in welche Richtung die Bewegung sich vollzieht. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort, die ein philosophisch geschulter Erzähler in einer Gegenwart geben kann, in der die großen Bewegungen nach vorn ihre Glaubwürdigkeit verloren haben und das Zurück zugleich verdächtig und unerlässlich geworden ist.
Die Edition Monhardt hat diesem Werk einen Ort gegeben, der ihm in jeder Hinsicht angemessen ist. Ein kleiner Verlag, ein präzise gemachtes Buch, eine Prosa, die sich der schnellen Aneignung verweigert und genau darin ihre Notwendigkeit beweist.
Mehr braucht es im Augenblick nicht.



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