„Wieviel ist ein Menschenleben noch wert“
Seit sechs Jahren bringt Marie Menschen gegen Bezahlung um.
Sie hält ihre Arbeit für verwerflich, aber nicht für unmoralisch, und in dieser feinen Unterscheidung liegt bereits der ganze Abgrund der Figur. Seit Anbeginn der Zeit, so ihre Logik, bringen Menschen Menschen um, und wo sie es nicht selbst tun, bezahlen sie dafür.
Es ist die Ökonomie einer Frau, die ihr Gewissen nicht beschwichtigt, sondern umgeht. Häufiger noch als Menschen Menschen töten Männer Frauen, sobald sie sicher sind, nicht erwischt zu werden, und dass hier ausgerechnet eine Frau das Töten als Gewerbe betreibt, kehrt diese stille Ordnung um. Wolf-Ingo Härtls „Kurz bevor der Tag beginnt, ist die Nacht am dunkelsten“ geht zwar auf diese Verschiebung nicht ein, verstärkt aber dadurch, dass eine Frau mordet, den moralischen Subtext seines Buches. Er nutzt die Bauform des Thrillers, um etwas anderes zu erreichen.
Denn die Spannung dieses Buches entsteht nicht aus der Frage, wer als Nächstes stirbt, sondern aus der Frage, was in einem Menschen vorgehen muss, damit er so wird wie Marie. Die Erklärung dafür beantwortet der Roman von innen heraus. Durch sprachfeine innere Monologe der Protagonistin zieht uns dieser Thriller hinein in ihre Art zu denken. Es entsteht eine Komplizenschaft, der man sich kaum erwehren kann.
Härtl führt diese Innenschau konsequent in der Ich-Form, und seine Sprache vollzieht dabei eine eigentümliche Bewegung: ein melodisches Hin- und Hergleiten, das den Lesenden fast unmerklich in einen Sog zieht. Man liest weiter, nicht nur weil man wissen will, wie es ausgeht, sondern weil man sich von dieser Stimme nicht mehr lösen kann.
Wem gehört diese oft zynische und fast immer abgeklärte Stimme? Wer ist diese Attentäterin? Schon ihr Name öffnet einen Deutungsraum, der weit über die Figur hinausweist. Marie oder María, biblischen Ursprungs, die Jungfräuliche und Reine, trägt von der hebräischen Wortwurzel her zugleich die Widerspenstige, die Ungezähmte in sich.
In dieser Spannung ist die Figur vollständig entworfen: eine, die zum einen von inneren Dämonen gehetzt wird, die aus einer verletzten Kinderseele entspringen, und die zum anderen zur Richterin über Leben und Tod geworden ist, die sich damit jeder moralischen Norm widersetzt.
Sie urteilt, so wie „Jeder Mensch richtet, sobald er sich eine Meinung über jemand anderen anmaßt“ (S. 72).
Das Töten, das sie professionell vollstreckt, erscheint dabei nicht als Ausnahme vom Menschlichen, sondern als dessen zugespitzte, bis zur letzten Konsequenz getriebene Form.
Was Marie zu dem gemacht hat, was sie ist, führt der Roman am Ende als Befund für ihre Taten zusammen. Die innere Leere, die Selbstzweifel, die in der Kindheit erworbenen Glaubenssätze, die sich zu selbsterfüllenden Prophezeiungen verhärtet haben: All das wird zuletzt ausdrücklich benannt, doch in der Bewegung des Erzählens hat man es da längst gespürt.
Maries Gleichgültigkeit ist keine Kälte, sondern eine selbstverletzende Taubheit, eine Alles-egal-Haltung, hinter der eine frühe Verlassenheit und ein Trauma weiterglühen. Gerade weil der Text diese Genese nie ausstellt, sondern aus ihrem Inneren heraus entwickelt, trifft er umso tiefer. Hier zeigt sich, dass es Härtl nicht um den Reiz des Bösen geht, sondern um dessen Herkunft.
Eine zweite Stimme tritt hinzu und verschiebt das Gefüge. Vincent, ihr Zielobjekt, ist anders als alle vor ihm. Er hört ihr zu. Er macht sie rhetorisch zu seiner Frau, wärmt ihr Inneres, versucht den Selbsthass zu vertreiben, indem er ihr Sonnenpunkte auf die Haut setzt. Aus dieser Begegnung zieht der Roman eine kaum auszuhaltende Spannung.
Denn wenn Marie sich erlaubt zu fühlen, was sie sich jahrelang verboten hat, dann gerät die ganze Konstruktion ins Wanken, die ihr Überleben sichert. Man ahnt das Unglück, lange bevor es eintritt. Man riecht es förmlich. Und man liest weiter, hilflos wie ein Voyeur, der nicht wegsehen kann, bis zur letzten Gewissheit.
Es ist diese ungewöhnliche Verbindung, die das Buch zu einem literarischen Unikat macht: die Genauigkeit der psychologischen Tiefenzeichnung, die Eleganz einer Sprache, die selbst zum Sog wird, und die unerbittliche Spannung eines Thrillers, der seine Wirkung nicht aus dem Plot, sondern aus dem Abgrund einer Seele bezieht.
Ein Psychogramm einer Killerin in einem tiefenpsychologischen Thriller.



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