„Mittelberge“ von Kerstin Specht

„Der Krieg ist ein Besen, er hat Leute auseinander – und zusammengekehrt.“S.119

„Sie schöpft Wörter ab / wie Rahm / Schmeckt an den Bedeutungen / die sind unerschöpflich” (S. 69)

Dieser Vierzeiler, eingebettet in eines jener Gedichte, die den Roman kapitelweise unterbrechen, liest sich wie eine Selbstauskunft über dieses Buch.

Kerstin Spechts erster Roman „Mittelberge” schöpft seine Wörter tatsächlich ab wie Rahm, dick, roh, konzentriert.

Dörfer vergessen nichts. Eschbach, ein Dorf in Oberfranken, ist der Schauplatz, an dem Sophie aufwächst, ihn verlässt, zurückkehrt um ihn am Ende endgültig hinter sich zu lassen, um den Mittelberg fortan zu vermissen. 

Die Geschichte setzt jedoch früher an, bei der Großmutter Bes, die Mattis, den Sohn ihrer Schwester, bei sich aufnimmt; er heiratet Sina, die später Sophies Mutter wird. Erzählt wird all dies aus der Distanz einer erzählenden, parteilosen Tochter, die inzwischen selbst siebzig ist und Sophies Lebensstationen mit der großen Zeitgeschichte verschränkt, beginnend im Jahr 1930. 

Damit entsteht von der ersten Seite an eine doppelte Zeitlichkeit: das kleine, kaum bemerkte Leben eines Kindes in dörflicher Armut und das große, laute Jahrhundert, das sich durch die Dorfgassen schiebt, oft wie eine Heimsuchung.

Spechts über Jahrzehnte am Theater geschultes Ohr bemerkt der Lesende hier schon am Klang der ihr eigenen Sprache. Sie zählt zu den bekanntesten Vertreterinnen des kritischen Volkstheaters in der Tradition von Horváth und Fleißer. Manche Passagen lesen sich wie Theaterdialoge, aufgezeichnet von einer Beobachterin, die selbst nie ins Bild tritt. Kurze Kapitel, oft nur eine halbe Seite lang, wechseln sich mit Gedichten ab, die weniger illustrieren als vielmehr wie Diorahmen wirken, in die man hineinsehen kann und die eine eigene, verdichtete Geschichte erzählen. 

Die Sprache selbst folgt einem strengen Kontrastprinzip: karg und schroff, wenn sie von Armut, Krankheit, Krieg oder Krieg berichtet, poetisch verdichtet in den seltenen Momenten des Glücks. 

Wenn Sophie im Frühling das Erwachen der Welt sieht und sich fragt, „wozu gibt es die Tränen” (S. 58), steht dieser Satz einen Moment später bereits neben der Diphtherie, die ihr die Spielkameradin nimmt und beinahe auch sie selbst. Nicht die Idylle trägt diesen Roman, sondern das Nebeneinander von Beschaulichkeit und Bedrohung.

Dieses Kippen zwischen den Registern wiederholt sich in immer neuen Konstellationen. Auf das vom Wasser gekämmte Gras und die Frösche, die den Sommer verzappeln (S. 62), folgt unvermittelt die rüde Sprache der Kerle, die sich im Suff rotgesichtig aufs Auge hauen. 

Specht stellt damit aus, was Dorfgemeinschaft tatsächlich bedeutet: Intrigen und Freundschaft, geteiltes Leid und geteilte Freude liegen nicht nacheinander, sondern ineinander.

Am eindrücklichsten gelingt der Autorin dies dort, wo sie die Zeitgeschichte konsequent aus der Perspektive des Kindes erzählt, ohne sie je direkt zu benennen. Der Nationalsozialismus tritt nicht als Begriff auf, sondern als körperlose Stimme aus dem Volksempfänger, als „Reichsvogel”, der die Männer aufpickt und die Häuser leerrupft. 

Wenn Nachbarn verschwinden, „Andere mussten weg. Andere schleppt man weg. Sophie hörte es und sah es” (S. 79), bleibt die Beobachtung kindlich unkommentiert, diese Zurückhaltung macht den Text so eindringlich, benötigt kein erklärendes Wort.

Zum eigentlichen Zentrum des Buches werden die Frauenleben, die auf S. 111 in aufgefangenen Bettüchern ihr entsprechendes Bild finden: „Sie haben schon Geburt und Tod erlebt. Blut und Eiter und Exkremente, die Gewalt, die Männer Frauen antun und auch die Zärtlichkeit, und immer wieder werden die Spuren gewaschen, weg, gebürstet, gebleicht.” 

Was hier ausgebleicht wird, ist nicht nur Stoff.

Mittelberge ist mehr als ein gelungenes Debüt, es ist der Beweis, dass eine Sprache, die man für ausgereizt halten könnte, immer noch neue Härten und neue Zärtlichkeiten freilegen kann. Kerstin Specht gelingt, wonach viele Debütant:innen lange suchen: Sie findet für ein Jahrhundert aus Armut, Krieg einen Ton, der nie behauptet, der aufzeigt, und erschüttert. 

Wer dieses Buch zu lesen beginnt, wird es kaum wieder aus der Hand legen wollen, nicht weil es einem das Lesen leicht macht, sondern weil es einen bei den einzelnen Sätzen und Wortwendungen verweilen lässt, weil man diese laut lesen und am liebsten in die Hand nehmen möchte.

Selten hat ein Debüt so unaufgeregt und zugleich so kompromisslos von einem Leben erzählt, das ganz aus Härte und Widerstand bestand. 

Dieses bewegende Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von STROUX edition zur Verfügung gestellt. Mein Dank geht auch an an das Büro für Text und Literatur für die Empfehlung. 

Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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