„Nehmen Sie sich kein Leben vor, dass sie ohnehin nicht haben wollen. Seite 232
Schon auf den ersten Seiten atmet einen dieses Buch warm an. Es ist keine demonstrative Wärme, sondern eine leise, beinahe beiläufige Geste der Zärtlichkeit. Die Vater-Sohn-Liebe liegt über allem wie eine Decke, unter der man noch etwas Kälte spürt, denn eine fehlt.
Die Mutter ist seit fünf Jahren tot.
Ihr Kalender ist im Juni stehen geblieben, und dieser scheint seitdem hinterherzuschleichen wie eine kaputte Uhr. Ein Bild für ein Leben, das aus dem Takt geraten ist, das stockte und nun nicht mehr recht weiterwill.
Der Vater, groß, mächtig, ein Kerl, wie man sagt. Und doch einer, der mit seiner Unbeholfenheit rührt. Für den das Wort „Papa“ fremd klingt und doch exakt passt. Prödel zeichnet ihn mit einer Zärtlichkeit, die anrührt ohne je sentimental zu werden.
Vater und Sohn Marko leben in einem Wohnblock, in kleinen Verhältnissen. Finanzielle Engpässe werden nicht dramatisiert, sind aber präsent, werden sichtbar gemacht durch Selfies der Klassenkameraden oder den Klamotten der Mitstudierenden. Während andere sich inszenieren, bleibt hier das Gefühl, nicht ganz mithalten zu können.
Der Roman erzählt vom Start ins Leben – oder genauer: vom theoretischen Ideal dieses Starts. Vom wundervollen Gedanken, einen neuen Abschnitt zu betreten. Zwei Menschen, hier Marko und Claire, die miteinander hineinwachsen wollen ins neue Leben. Sie spüren die Ambivalenz des Entreißens aus der Kindheit und die Vorfreude auf das Unbekannte.
Doch die Praxis kennt Unwägbarkeiten. Sie treffen auf existenziellere Fehlstarts als die Suche nach einer bezahlbaren Studentenbude.
Claire etwa, deren Kopf plötzlich nicht mehr gerade sitzt, erlebt eine psychische Erschütterung.
Marko, der es in ein neues Land schafft, muß dort festzustellen, dass sich das erwartete Abenteuergefühl nicht einstellen will.
Überforderung und Euphorie existieren nebeneinander. Eine frische Liebe. Prüfungsversagen, Nächte, die im Feiern verschwimmen oder im TikTok- Kanal enden.
Prödel gelingt das Kunststück des Leichten, das so schwer herzustellen ist. Diese lakonische Sprache, die nie ins Larmoyante kippt, trägt die tiefe Melancholie der Jugend in sich, jene Zerrissenheit zwischen „Alles ist möglich“ und „Nichts ist sicher“. Und dann legt er diesen Hebel um, und erschafft einen dieser Momente, in denen – um es mit Marianne Leky zu sagen – die „Lebensschönheit“ aufscheint. Mitten im Chaos.
Sprachlich ist Salto ein Jungbrunnen. Man taucht ein, badet in diesen Sätzen und steigt ein paar Jahre verjüngt wieder heraus. Nicht, weil alles leichter wäre, sondern weil das Schwere einen Klang bekommt, einen frischen Rhythmus.
Manchmal ist die Entwicklung etwas vorhersehbar, doch das schmälert die Wirkung kaum. Denn das Entscheidende ist die emotionale Wahrhaftigkeit und dieser bleibt Prödel treu.
Worin sich die Leistung des Autors zeigt, kann an zwei Worten gemessen werden: „Doofe Menschenkörper“ S. 227 Eine Trotzmetapher.
Kindlich im Klang, beinahe hingeworfen und doch von eigentümlicher Präzision.
Er findet Bilder, die sich harmlos geben und in Wahrheit mehrdeutig aufgeladen sind.
„Doof“ – ein Wort aus dem Pausenhof, leicht, scheinbar unscharf.
„Menschenkörper“ – sachlich, erwachsen, als gehörte er nicht ganz zu einem selbst.
Der Leib wird benannt wie ein widerspenstiges Objekt, als etwas, das streikt, während der Wille weitermöchte. Biochemische Launen. Erschöpfung. Angst, die schneller schlägt als jedes Argument.
Prödel reduziert und verdichtet.
Er sagt fast nichts, aber was er sagt, trägt mehrere Lesarten zugleich:
Selbstironie und Anklage, Spott und existenzielle Beunruhigung,
jugendlicher Trotz und philosophische Ohnmacht.
Diese Fähigkeit, mit minimalem sprachlichem Material eine maximale semantische Spannung zu erzeugen, die Kunst eine offene Metapher zu schaffen, die berührt ist absolut beeindruckend.
Dieses Coming-of-Age erzählt von der Reibung: zwischen Herkunft und Entwurf, zwischen dem Drängen nach vorn und dem Gewicht dessen, was einen hält.



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