„Pina fällt aus“ von Vera Zischke

„Es braucht Störsteine. Es braucht sie sogar ganz dringend. Und sie müssen mitten im Fluss stehen, nicht am Rand.” (S. 276)

Vielleicht kennt noch jemand die Fernsehserie „Drei Engel für Charlie“ von 1976, in der drei elegante Frauen im Auftrag des unsichtbaren Chefs Charlie Verbrecher jagten. Jill Monroe, alias Farrah Fawcett, war für eine ganze Generation das Inbild von Coolness und Selbstbestimmung. 

In Vera Zischkes Roman „Pina fällt aus“ gibt es ebenfalls drei, die einen Fall übernehmen, und sie nennt sie selbst: „Drei Vögel für Leo“. 

Engel, im erweiterten Sinne, auch das. Nur sind es keine smarten Agentinnen in eleganten Pantsuits, sondern eine wutgeladene Nachbarin, eine 86-Jährige, die bereits mit dem Leben abgeschlossen hat, und ein stiller Mann, der sich selbst aus dem Weg geht. 

Ihr Auftrag kommt von niemandem. Und doch werden sie gebraucht.

Leo, zwanzig Jahre alt, lebt gemeinsam mit seiner Mutter Pina in der Hansastraße 22 in Wuppertal. Er hat die Stimme eines unschuldigen Kindes und den Blick eines Hundertjährigen, der alles Elend der Welt gesehen hat. 

Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. 

Er hat eine autistische Störung, und Pina ist sein Draht zur Welt, seine Übersetzerin, diejenige, die diese Welt für ihn in den Angeln hält. 

Bis sie eines Tages vom Einkaufen nicht zurückkommt. Intensivstation. Koma. Und Leo ist allein.

Dass Zischke diese Figur mit einer solchen Präzision und inneren Logik zeichnet, hat einen Grund: Die 1980 im Rheinland geborene Journalistin, die tagsüber für die Zeitung schreibt und nachts Romane, ist selbst Mutter eines autistischen Kindes.

Diese Erfahrung ist dem Buch anzumerken, nicht als Betroffenheitsgeste, sondern als Fundament. Leo ist kein Fall, kein Symbol für Andersartigkeit. Er ist ein Mensch, vollständig und widersprüchlich, mit Gewohnheiten, Eigenheiten und einer Würde, die er sich nicht nehmen lässt.

Was geschieht in diesem Moment mit den Menschen wie Leo? Dieser Frage, die Zischke mit sozialem Scharfsinn und ohne jeden belehrenden Ton stellt, gilt das eigentliche Herzstück des Romans. Ist ein Heim die Lösung? Gelebte Inklusion? Wer trägt Verantwortung, wenn der einzige Mensch, der einen kennt, plötzlich ausfällt? Das Buch nennt das nicht Systemversagen. Es nennt es einfach: Alltag.

Die drei Nachbarn, die nun zögernd in Leos Leben stolpern, sind herrlich ungeeignet für das, was sie tun sollen. Zola, mit dem rasierten Schädel und einer Wut im Bauch, die stets kurz vor der Detonation steht. Inge, 86 Jahre alt, die bereits vor fünf Jahren innerlich mit ihrem Leben abgeschlossen hat und seither auf ihre endgültige Abberufung wartet. Und Wojtek, der stumme, schüchterne Mann, der bunte Kristalltierchen kauft, statt sich selbst etwas einzugestehen. 

Sie alle sind komplett mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Oder genauer: mit dem, was von ihrem Leben übrig geblieben ist. Zischke zeichnet diese Figuren mit so viel Genauigkeit und innerer Logik, dass man ihnen ihr Verhalten abnimmt, auch dort, wo sie scheitern oder sich verweigern. Es sind Charaktere mit Brüchen, und gerade deshalb wirken sie vollständig. Doch die stärkste Figur des Buches ist und bleibt Leo.

Zischke gelingt dabei etwas, das nicht selbstverständlich ist: Sie zeichnet ihn nie als Objekt des Mitleids.

Seine klaren, unverfälschten Sätze treiben die Nachbarn an, holen das Beste aus ihnen heraus und überraschen sie selbst. 

Das Busfahren, alltägliche Routine für die meisten, steht im Roman als Metapher für gesellschaftliche Teilhabe. Doch Zischke belässt es nicht bei der Geste: Sie fragt, ob Inklusion tatsächlich mehr ist als ein Versprechen auf dem Papier, ob die Gesellschaft die Mechanismen besitzt, jedem Menschen ein würdiges und gerechtes Leben zu ermöglichen, oder ob der Schutz, den sie gewährt, unmerklich in Ausgrenzung kippt. 

Teilhabe, so legt der Roman nahe, scheitert selten an bösen Absichten, häufiger an Gleichgültigkeit und struktureller Phantasielosigkeit.

Auch die Frage nach Pinas Rolle ist alles andere als bequem. In ihr verdichtet sich ein Spannungsfeld, das keine befriedigende Auflösung kennt: zu viel Schutz, und Leo bleibt eingeschlossen in einer Welt, die nur sie für ihn gebaut hat; zu wenig, und er steht schutzlos einer Gesellschaft gegenüber, die für Menschen wie ihn kaum Platz lässt. 

Fürsorge und Kontrolle, Behüten und Loslassen, liegen in ihrer Mutterschaft so eng beieinander, dass die Grenze zwischen beiden verschwimmt. Ist sie seiner Entwicklung im Weg, indem sie ihn hält? Oder ist das Halten selbst die einzige Form von Liebe, die in dieser Welt noch trägt? 

Der Roman verweigert Antworten, aber er formuliert seine Fragen so präzise, dass der Lesende kaum umhinkommt, sie sich selbst beantworten zu wollen.

Zischke beherrscht ihre Dramaturgie mit sicherer Hand: Sie lässt Licht und Schatten dicht beieinanderliegen, holt Glück aus einer Absurdität, wie einen Sonnenstrahl aus dem Dunkel, um den Lesenden im nächsten Absatz wieder in einen seelischen Abgrund blicken zu lassen. 

Zwischen Schmunzeln und einer Träne liegt oft nur ein Satz. Was diesen Wechsel so wirkungsvoll macht, ist, dass er nie manupulativ wirkt, sondern aus den Figuren selbst entsteht. Aus Alltagshelden, denen man sich unweigerlich nah fühlt.

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