„Neben Fremden“ von Eva Schmidt

„Es hatte auch gute Zeiten gegeben.“ (S. 156)

-dieser Satz wirkt wie eine nüchterne Bestandsaufnahme und zugleich wie ein Abschied. Er verweist auf ein Leben, das einmal mehr versprach als es nun einlöst, und lässt bereits erahnen, dass die Gegenwart von Verlust und Ernüchterung geprägt ist. Die guten Zeiten liegen hinter der Erzählerin; das Jetzt erscheint als ihr matter Nachklang.

Mit Neben Fremden legt die österreichische Autorin Eva Schmidt, zweifach für den Deutschen Buchpreis nominiert, einen Roman vor, der konsequent in Grautönen erzählt ist. Kein großes Drama, kein lauter Konflikt sondern eine stille, insistierende Erforschung dessen, was vom Leben bleibt, wenn die Optionen weniger werden.

Im Zentrum steht Rosa, ehemalige Krankenpflegerin, nun in Pension. Eine Frau mit schmalen Lippen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ungesellig, abwehrend, auf Distanz bedacht, selbst zu jenen Menschen, mit denen sie verbunden ist. 

Schmidt zeichnet das Alter mit fast schmerzhafter Genauigkeit: die penibel geputzte Wohnung, die wortlose Einsamkeit, die sich nicht spektakulär, sondern alltäglich einstellt, die immergleichen Tage. Selbst der Besuch der Freundin ist kein Trost, sondern eine Pflichtübung, getragen von Erzähldrang auf der einen und Pflichtgefühl auf der anderen Seite. Nähe entsteht hier nicht, sie wird umkreist.

Besonders beklemmend ist das Verhältnis zur Mutter. Die Pflegebedürftigkeit verschärft eine Beziehung, die ohnehin von alten Verletzungen durchzogen ist. Rosa kümmert sich aus widerstrebender Pflicht und in der stillen Hoffnung auf ein baldiges Ende. Zwischen Mutter und Tochter liegt eine Wut, die nicht mehr laut wird, weil sie längst sedimentiert ist. Zu viele unverheilte Verletzungen, um noch an Heilung zu glauben.

Dann ist da dieser Mann, dessen Lachen Rosa liebt. Er schenkt ihr einen Campingbus. Ein Objekt, das spätestens seit der Coronazeit als Chiffre für Freiheit, Aufbruch und ein anderes Leben gilt. Doch bevor die erste Reise beginnen kann, stirbt er. Der Bus bleibt stehen. Die Möglichkeit eines Ausbruchs bleibt abstrakt. Die Frage drängt sich auf: Wagt sie ihn?

„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.“ (S. 84)

Dieser Satz verdichtet Rosas Existenzgefühl: ein Leben voller Sehnsucht, aber ohne Richtung; ein Begehren ohne Entwurf.

Die Grundstimmung des Romans ist Moll. Der Erzählton nüchtern, beobachtend, von einer leisen Bitterkeit durchzogen, die sich wie eine schwere graue Decke auf die Seele legt. Die Schwermut ergreift die Lesenden Wort für Wort, zieht sie hinein in ein graues Loch und man fürchtet, es könnte sich darüber noch ein Deckel schließen.

Und doch: Eva Schmidts Prosa ist kein bleierner Block. Sie gleicht eher einem tiefen, ruhigen, meist dunklen Fluss. Darin blitzen kleine Akkorde in Dur auf, Lichtpunkte, die auf dem stark beschatteten Lauf tanzen. Sie sind selten, aber sie sind da, gerade genug, um das Grau nicht endgültig werden zu lassen.

Dieses stetige Vibrieren unter der Oberfläche, diese beklemmende, nie vordergründige Suche nach Nähe wird grandios erzählt. Neben Fremden gräbt sich ins eigene Dunkel und als Leserin oder Leser verspürt man den fast körperlichen Wunsch, die Vorhänge aufzureißen, um Licht hineinzulassen in dieses Grau.

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