„Wenn wir sterben, scheitern wir am Leben. Wären wir unsterblich, scheiterten wir am Tod.“ Seite 63
Begeisterung pur. Überwältigende Sprachlust auf 65 Seiten. Ein Filetstück für alle Literaturliebhaber:innen.
Mit Miserere hat Helena Adler ein schmales, zugleich unendlich dichtes Buch hinterlassen – drei Texte, die wie ein letzter, glühender Auftritt wirken. Adler, geboren als Helena Prähauser, starb 2024 mit nur 40 Jahren an einem Gehirntumor und verließ damit die literarische Bühne viel zu früh.
Dass diese Texte zu ihren Lebzeiten abgeschlossen wurden und in ihrem Todesjahr bei Jung und Jung Verlag erschienen sind, verleiht dem Band eine zusätzliche, schmerzhafte Aura der Endgültigkeit.
Die drei Stücke
Ein guter Lapp in Unterjoch, Unter der Erde, Misere Melancholica
stehen unter dem Schatten der Krankheit erfahrbar nicht als klinische Diagnose, sondern als existenzielle Macht.
Schwermut liegt über ihnen wie ein bleierner Himmel; man spürt, dass sie aus den letzten Lebensjahren sprechen. Schon der erste Text trifft mit voller Wucht, doch das eigentliche Kernstück, „Misere Melancholia“, ist ein singuläres Ereignis: ein Dialog mit dem Schwermutsdämon, der mythologische Gestalten annimmt, Wesen zwischen Allegorie und körperlicher Bedrohung. Die Trägheit der Seele – Acedia, Todsünde, lähmender Sog.
Von den ersten Sätzen an erhebt sich eine Welle sprachlicher Gewalt. Bilder rauschen ungefiltert ins Bewusstsein, Alltägliches wird beseelt, verwandelt, erhoben: Bettwäsche friert vor Einsamkeit, das Bettgestell schnurrt wie eine Katze, Kleidung winselt, das Geschirr hat Sitz und Platz gemacht. Sprache wird hier nicht benutzt, sie ereignet sich mit einer Lust, die berauscht.
Leichthin, fast nebenbei, streift Adler die großen Zumutungen unserer Gegenwart: Vetternwirtschaft, patriarchale Allgewalt, Vergewaltigung, Rassismus. Ein Satz, ein Schlag:
„In einer Gemeinde, die so schwarz ist wie eine zwischen den Weltkriegen geborene Oma eine Gemeinde, die Neger sagt, und Neger meint …(S. 11)
Derb kann sie sein, wuchtig wie ein Fausthieb: Ruinenkörper, Leichenbetonierer, eine Braut, weichgeklopft wie ein saftiges Filetstück. Umgangssprachliche, idiomatische Redewendungen verschränken sich mit einem Labyrinth aus Alliterationen. Metaphern explodieren wie eine leichtentzündliche Substanz: der zukünftige Ehemann heißt Jochen wie Joch, Unterjoch wie unterjochen. Sprachwitz wird zur Erkenntnisform.
Dann galoppiert die Schwermut heran, unaufhaltsam, frisst sich in den Körper. Panik steigt auf vor dem, was kommt. Adler beschwört naturgewaltige Bilder, brutal wie ein Brueghel-Gemälde: eine Schlacht, in der sie unter die dampfenden Hufe der Pferde gerät, wehrlos einer Macht ausgeliefert, die sie zersetzt. Die Trägheit wird zum Lebewesen, erhält eine vexierende Gestalt, ergötzt sich am Elend der Erzählerin:
„Je trauriger ich wurde, desto wohlgemuter ward er.“
(S. 37)
In dieser Radikalität erinnert Miserere an Virginia Woolf und ihre Novelle „Vom Kranksein“ , doch gesteigert, schonungsloser, von einer ebensolchen Endlichkeit durchdrungen.
Wer einmal etwas richtig Gutes lesen möchte: Hier ist es. Miserere ist ein Konzentrat aus Sprachlust und existenzieller Wucht!



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…