„Auf der Straße hassen Sie uns, weil wir zu schnell fahren, zu Hause hassen Sie uns, weil wir zu langsam sind.“ (S. 153)
Der Satz adressiert uns als Kundschaft und kennt für seine Sprecher kein richtiges Tempo. Zwischen zu schnell und zu langsam liegt kein Ort, und genau dort arbeiten die Rider.
Ein Tipp aufs Display, ein Punkt auf der Karte, der sich der eigenen Haustür nähert. Es klingelt, wir nehmen unser Essen in Empfang, Ende der Geschichte.
Gardi beginnt genau dort, wo unsere Geschichte endet, und folgt dem Punkt rückwärts, durch Straßen, Apps und Biografien.
Sechs Episoden führen nach Tel Aviv, Delhi, Buenos Aires, Istanbul, Berlin und auf kenianische Blumenfarmen.
Filmon fährt in Tel Aviv ohne Arbeitserlaubnis unter falschem Namen für einen Lieferdienst. Pavan fährt mit schiefem Gesicht. Sachin jagt mit brüllender Hero und dem Sohn hintendrauf durch Delhis Smog.
Drei Jahre Recherche stecken in diesem Roman, und man spürt sie, ohne dass der Text je nach Fußnote klingt. Gardi erzählt leichtfüßig und schmerzhaft in einem Atemzug.
Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, menschenwürdig sind sie in keiner. Zu den Essenszeiten rasen die Rider durch volle Innenstädte, auf Rollern, Rädern, Motorrädern, ungeschützt gegen Verkehr, Hitze, Kälte und Smog. Was diese Ökonomie trägt, ist die enge Taktung. Mann muss schnell sein, das Essen noch warm, eine schlechte Kunden-Bewertung führt zur Abqualifizierung. Der Algorithmus schlägt weniger Aufträge vor, weniger Geld bedeutet Hunger, Obdachlosigkeit oder ein höheres Risiko auf der Straße. Die Launen der Kundschaft werden so zur Einkommensfrage.
Man sollte meinen, ein so hartes Gewerbe müsse wenigstens Anerkennung erfahren. Gardi zeigt das Gegenteil: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit begegnen den Ridern überall, und für Integration bleibt keine Zeit, weil das Geldverdienen der Bildung vorangeht.
Krieg, totalitäre Systeme und Corona haben sie aus ihren Heimatländern vertrieben. Was sie auf der Flucht erlebt haben, erfährt man aus ihren Erzählungen. Bemerkenswert ist, wie sie sich trotzdem Träume, Sehnsucht und Liebe bewahren.
Man sieht die Menschen mit den viereckigen Tornistern in allen Farben plötzlich als Menschen, blickt ihnen ins sehnsuchtsvolle Herz und erkennt ihren unbedingten Willen, etwas zu werden.
Dass die Episoden nur lose verklammert sind, ist dabei Programm. Eine geschlossene Erzählung würde behaupten, was der Roman bestreitet: dass sich diese Leben zu einem Ganzen fügen.
Die Schwächen liegen woanders. Die Istanbul-Episode um die Haartransplantation, deren Ich-Erzähler an Gardi selbst erinnert, verplaudert sich, und ich habe mit einiger Ungeduld auf ihren Zusammenhang gewartet. Das passt zum Thema, denn wer über Eitelkeit spricht, kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Der Zusammenhang kommt, und er kommt gut: Im Gegeneinander von Schönheits-OP und dem Tod des Fahrers stellt sich die Schieflage extrem dar.
Das Rosenkapitel am Ende löst sich dagegen nicht ein. Die Bezüge nach Berlin, zu Zeitdruck und Ausbeutung sind klar, doch die letzte Wendung überzieht das Thema: Die Rider verkaufen vielleicht ihren Körper, aber nicht ihr Selbst.
Nach der Lektüre ist Wegschauen nicht mehr möglich. Das Buch appelliert nicht an Mitleid, sondern an unser aller Sehgewohnheiten. Hinschauen statt Wegsehen.
Dass „Liefern“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 steht, ist folgerichtig, auch mit diesen Brüchen.
Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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