„Ich lasse das Leben zu.“ S.154
Sie sitzt am Fenster, schaut in die Wolken. Gerade ist er gefallen, dieser Satz: Ich liebe dich nicht mehr. Susanne Schirdewahn setzt ihre Protagonistin in diesem einen Moment aus, bevor alles beginnt. Kein Anlauf, kein Vorzeichen. Nur die Stille nach dem Einschlag. Das ist ganz nach meinem Geschmack, und es ist genau das Karacho, das der Titel verspricht: Wucht, Tempo, Schwung.
Kira, Künstlerin Mitte Vierzig, lebt mit ihrem Mann Vau und zwei Söhnen in Berlin. Bis Vau eines Tages die Luft aus dem Raum saugt, mit einem einzigen Satz: Ich liebe dich nicht mehr. Zwanzig Jahre Ehe, zwei Kinder, ein gemeinsames Leben, und dann das. Und natürlich gibt es eine Neue: „Sie hat einen Namen. Und sie ist blond.” (S. 9) Das Klischee in seiner reinsten Form. Schirdewahn weiß das, und sie lässt Kira es wissen.
Was folgt, ist kein geordneter Trauerprozess, sondern ein Taumeln. Dieses Hin und Her des Lösens kennt jede und jeder, der je eine lange Beziehung hat sterben sehen: das Gehässige, wenn man ihn mit der besten Freundin beschimpfen darf; die tiefe Trauer darunter; die Angst vor dem, was kommt; das heimliche Hoffen, dass dieser Alp noch vorübergeht. Man redet sich Mut zu. Und muss kotzen.
Sich nach zwanzig Jahren zu entlieben, schreibt Schirdewahn, ist wie das Wasser langsam abzudrehen. Ein Bild, das stimmt. Für Kira bedeutet die Trennung die Löschung ihrer gesamten Festplatte. Familie war ihm doch das Wichtigste, die Kinder das Beste. Irgendwann. Der Schock muss erst ins Bewusstsein eindringen, bevor er zur Realität werden kann.
Schirdewahn beschreibt mit großer Sorgfalt, wie sich das Selbstbild in Einzelteile auflöst: die selbstquälerische Wehmut über gemeinsame Gewohnheiten, die Liebe zu seinen Falten, die jetzt sagen, er wird jemand anderen lieben, das Paradox der langen Beziehung, sich fallen lassen zu können in der Liebe und doch Angst vor einem zu frühen oder zu späten Orgasmus gehabt zu haben.
Was den Lesenden davor bewahrt in einen Strudel melodramatischen Sermons gerissen zu werden, sind solche Sätze: „Dieser eine Moment, in dem du an ihm vorbeigehen willst. Nicht um Tschüss zu sagen, sondern um scheißen zu gehen.” (S. 7) Da ist sie, die Wut. Das Grinsen kommt unweigerlich. Und mit ihm das Verlangen, die Seite umzublättern und nach weiteren solchen Sätzen zu suchen.
Sie kommen. „Ich wünsche mir ein Zuhören, das nicht sofort alles interpretiert und bewertet.” (S. 20) Oder: „Das Schlimme ist, dass es kein Fremdgehen ist. Sondern ein Nahegehen.” (S. 37)
Das ist Schirdewahns eigentliches Verfahren: Sie lässt die große Trauer nicht als Trauer stehen, sondern unterbricht sie mit der kleinen, körperlichen, unfrisierten Wahrheit. Mit dem Satz, den man so noch nicht gelesen hat, der aber sofort sitzt, weil man ihn kennt. Schirdewahn, die als Kolumnistin für die *Berliner Zeitung* und *Das Magazin* schreibt und seit Jahren festes Mitglied der Berliner Lesebühne *Des Esels Ohr* ist, hat das Handwerk der Pointe verinnerlicht.
Kira taumelt weiter. Sie hadert mit ihrem Schicksal, sucht Halt in Kindheitserinnerungen, wärmt eine alte Affäre auf. Sie ist jetzt Single mit einem Nochmann. Fehlender Sex, finanzielle Abhängigkeit, Gedanken an die Neue, der Alltag mit den Kindern, Gewichtsverlust. Die leere Wohnung. Das Ohne-ihn-Aushalten. Und doch, mit jedem Tag der Trennung, etwas Unerklärliches: Erleichterung.
Allerdings: Mit zunehmender Länge gerät der Roman ins Trudeln. Die Übungen im Entlieben wiederholen sich, der Affenzahn verliert seinen Schwung, und mit ihm droht auch der Leseschwung zu erlahmen. Kurze erotische Zwischensequenzen überbrücken, reißen aber das Steuer nicht herum. Gerade als die Gefahr besteht, den sinkenden Kahn zu verlassen, frischt der Wind auf, die Segel füllen sich, und mit Karacho geht die Fahrt weiter.
Am Ende steht ein Satz, der alles zusammenfasst: „Ich lasse das Leben zu.” S. 154 Nach einem Feuerwerk aus Lebensfreude und sechs wunderbaren Lektionen im Epilog verlässt man Kira nicht als die, die wieder aufrecht steht.
*Karacho* ist, wie der Verlag schreibt, eine große Ballade von der zerbrochenen Liebe. Doch noch mehr ist es ein Buch über das Wiedereinrichten im eigenen Leben.



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