„Im Paradies“ von Dorota Masłowska

„Mama geht mit klapperndem Besteck ab, ihre Brauen wollen weg aus dem Gesicht, irgendwohin, wo die Leute weniger bescheuert sind. Seite 9

Dorota Masłowskas kurze Prosa in dem Band „Im Paradies“ kennt keinen gemächlichen Eintritt. Ihre Geschichten umkreisen sprachlich wunde Punkte, die der Lesende nur dann in sich freilegt, wenn er sich nicht allein intellektuell, sondern auch affektiv einlässt. Masłowska verlangt Partizipation, ein Mitgehen im Fühlen.

In der titelgebenden Geschichte „Im Paradies“ , befinden wir uns an einem See, indem sich ein Gebirge wie auf einem Windows-Bildschirmschoner spiegelt. Der Tag ist noch warm, gelbes Herbstlaub treibt auf dem See und ganz versunken sitzt ein Angler auf dem Steg. Um ihn herum tollt ein Hund und eine junge Frau nutzt den erwachenden Tag für ein erfrischendes Bad im See.

Der Angler ist Amin Zucker, zwölf Jahre alt, mit seinem Hund Archie. Er hat Herbstferien und ist gerade aus einem hochgradig dysfunktionalen Elternhaus geflohen. Das ist geprägt von eskalierenden Konflikten zwischen seinen Eltern. 

Die narzisstische Selbstbezogenheit der Mutter trifft auf einen ebenso unnachgiebigen Vater. Außerdem lastet ein traumatischer, sexueller Übergriff eines Bekannten auf ihm.  Sein „Konto aus Aushaltbarem“ ist damit schon weit überzogen und das Kind operiert bereits jenseits seiner Belastungsgrenze. 

Als er den im Wasser treibenden Körper wahrnimmt, erstarrt er. 

Die Badende ist Zoldana. Ein Stipendium für literarisches Schreiben ermöglicht ihr die Einreise in das „Land der Mülltrennung“, ein Land der Ordnung, Regulierung und schein-materiellen Sicherheit. 

Sie blickt zurück auf ihre Herkunft. Ihre Beschreibung liest sich wie ein zynischer Bericht über ein seelisches „Inferno“.

Sie kontrastiert mit der vermeintlichen Heilslandschaft des Westens. Zoldana stammt aus einem Milieu der Verwahrlosung und Perspektivlosigkeit. Die Mutter verteidigt „ihre Schrank-Schrottplätze, dieses Hospiz wertloser, beschädigter Geräte und Gegenstände“ (S. 47), eine eindrückliche Metapher für Stillstand und Verfall. Müll wird bewahrt wie Erinnerung; das Vergangene blockiert das Gegenwärtige. Zoldanas schockierte Erkenntnis, „Meine Eltern sind alt, arm, dick und dumm“ (S. 58) . Sie erlebt Momente brutaler Desillusionierung und existenzieller Einsamkeit. Die soziale Herkunft erscheint als Determinante, von der sie sich intellektuell bereits distanziert.

Doch auch im gelobtem Land findet sie keine Zugehörigkeit. Der nächtliche Ausbruch in den Klub, alkoholgetrieben und sexualitätsorientiert endet in Ernüchterung. Sie bleibt eine Fremde, getrennt „wie durch Sicherheitsglas“ vom Garten Eden. Das Motiv evoziert eine moderne Variante der Vertreibung aus dem Paradies – nicht durch Sünde, sondern durch soziale und biografische Disparität.

Die finale Begegnung am See verdichtet die beiden Lebenslinien. Zoldana taucht ins Wasser; ihre Glieder werden schwer.

Sie sucht Blickkontakt zum Angler, sucht hier Rettung. Armin sieht und sieht nicht. Sein Weggehen, wegsehen besiegelt ihr Schicksal. Das Paradies entpuppt sich als Ort der Gleichgültigkeit.

Der Schlussakzent liegt jedoch auf Armin, dem es unmöglich war zu helfen, denn wer nie Beistand erfährt, kann auch keinen gewähren.

Der Text entwirft hier zwei biografisch beschädigte Existenzen, deren Wege sich in einer scheinbar idyllischen, tatsächlich jedoch existenziell aufgeladenen Szenerie kreuzen. Das im Titel aufgerufene „Paradies“ erweist sich dabei als ironisch gebrochene Metapher. Es steht weder für Schutz noch für Erlösung, sondern fungiert als  Imaginationsraum unerfüllbarer Sehnsüchte und als moralischer Prüfstein, an dem die Figuren letztlich scheitern.

Wir haben es hier mit Literatur zu tun, die in wuchtigen Geschichten die Seele gefrieren lässt. Hoffnungslosigkeit, Hartherzigkeit und soziales Elend, all das verdichtet sich in syntaktischen Kaskaden. Masłowskas Prosa treibt Grenzerfahrungen ins sprachliche Extrem.

Sie findet die Fliege auf der Butter, entdeckt im kleinsten Detail den Ekel als Metapher für das, was in ihren Figuren und deren Umgebung schwelt. Nichts bleibt hier unscharf und nichts wird beschönigt.

Ihre Sätze sind ausufernd, schlangenhaft, mit abrupten Richtungswechseln. Man kann sie nicht konsumieren, man muss sie verfolgen. Sie schlagen Haken wie ein flüchtendes Wildtier, entziehen sich der geraden Linie, zwingen zur Aufmerksamkeit.

Doch wer auf der Spur bleibt, wird belohnt: mit Metaphern, die im scheinbar Banalen eine zweite, dunklere Wirklichkeit freilegen Bsp. „… das Internet tröpfelt wie Nasenbluten“ (S. 20).

Mit einer Nahtlosigkeit spühlt sie Wörter an, die nahtlos ineinander greifen, sich überlappen wie Wellen, die am Strand auslaufen und doch schon von der nächsten überrollt werden. Ein Wort kippt ins nächste, Gespräche mäandern ausufernd von Szene zu Szene um dort zu eskalieren.

In dieser Autorin kreist eine enorme Wut. Sie entlädt sich in Explosionen, die bisweilen alles niederzubrennen scheinen. Die Figuren, das Milieu, vielleicht sogar jede Restillusion von Trost. Gleichzeitig bricht das Surreale ein: Momente der Verschiebung, der Überhöhung, die den Text in eine andere Dimension kippen lassen.

Masłowska siedelt ihre Charaktere in einem düsteren Kosmos aus Armut, Ausgrenzung und sozialer Prekarität an. Hoffnungslosigkeit breitet sich in ihnen aus wie ein Virus.

Um ihr zu entkommen, treffen sie Entscheidungen, die sich gegen sie selbst richten; sie suchen Zuflucht im kalten Glanz von Events, im kurzen Aufleuchten eines VIP-Scheins, der doch nur das eigene Elend schärfer konturiert. Mit chirurgischer Präzision seziert die Autorin Verzweiflung und Selbsttäuschung.

Wie bereits in ihren Romanen – etwa Schneeweiß und Russenrot oder Die Reiherkönigin, die bei Kiepenheuer & Witsch erschienen sind – richtet sich ihr Blick radikal auf die polnische Gesellschaft. Masłowska hat in Polen Kultstatus erreicht, zugleich aber vehementen Hass auf sich gezogen. Ihr aggressives, düsteres Panorama wurde allzuoft als Angriff gelesen.

Dass zahlreiche ihrer Werke für die Bühne adaptiert wurden, zeigt jedoch, wie sehr diese Sprache performative Kraft besitzt und ins Öffentliche drängt.

Was diese Texte letztlich so einnehmend macht, ist ihre fulminante, gnadenlose Sprachgewalt. Sie leuchtet selbst die privatesten Winkel aus. Wie unter einem Operationslicht zerrt sie jedes noch so intime Detail an die Oberfläche. 

Die Lektüre wirft jedoch auch eine produktive Frage auf. Ist die Provokation hier Mittel zum Zweck, notwendiger Stachel, um Wahrnehmung zu schärfen? Oder inszeniert sich der Text bisweilen um der Provokation willen? Stützt die permanente Grenzüberschreitung das ästhetische Konzept oder untergräbt sie es manchmal sogar?

So oder so: Eine derart vitale, verzehrende Stimme habe ich seit Helena Adler nicht mehr gelesen. Masłowska schreibt wie ein Urknall zerstörerisch und sich neu findend.

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