„Es war nicht anders möglich“ von Svenja Liesau

„Verlust ist auch bloß eine Challenge, die es zu meistern gilt.“ S.20 

Berliner Nächte haben eine eigene Grammatik. Man betritt eine Eckkneipe, ruft ein lautes „Nabend” in den Raum und ist drin. Unaufgefordert segelt eine Weißweinschorle und ein Wodka auf den Tisch. Die Stammtrinker nicken. Die Stammtischphilosophen schwafeln im breiten Berliner Dialekt vom Rand der Gesellschaft. Martina kennt diese Grammatik auswendig. Sie ist ihr Zuhause.

Svenja Liesau, Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin, legt mit *Es war nicht anders möglich* ein Debüt vor, das keine Kompromisse macht.

Der Roman beginnt mit einer Playlist: Wolfgang Petry, Blondie, Falco, das Beste aus den Achtzigern. Musik, die in den Jukeboxen der Kneipen läuft und in Martinas Kopf. Martina, Mitte dreißig, arbeitslos, hat die Welt da draußen so gründlich hinter sich gelassen, diese Hits sind zur Begleitmusik ihres Lebens geworden sind, in dem sie sich durch die Nächte säuft. 

Man ist anfangs ehrlich gesagt angefuckt. Verhöhnt Liesau hier das arbeitende Bürgertum, das sich seinen Feierabendwein zuhause einschenkt und Steuern zahlt, die Martinas Rausch mitfinanzieren? Ist das eine Sozialstudie in Vulgär, ein brachial erzähltes Alkoholikerleben ohne Reue?

Martina säuft nicht nur, sie liest angeblich Proust und Knausgård in der Kneipe. Eine kalkulierte Provokation oder Selbstbehauptung durch Abgrenzung? Und wenn Letzteres: Abgrenzung wovon? Von den anderen Trinkern, von der Idee, doch etwas Besseres zu sein? Da diese Behauptung substanzlos bleibt, bleibt die Antwort offen.

Ist *Es war nicht anders möglich* ein Roman über das Scheitern oder über die Logik des Überlebens? 

Beides.

Denn sichtbar wird die Geschichte eines Körpers, der nie als sicher erlebt wurde. Frühe Gewalt, radikaler Liebesentzug, Einsamkeit: Was die Bindungsforschung *desorganisierte Bindung* nennt, meint im Kern, dass die Schutzperson der Mutter gleichzeitig die Bedrohung war. 

Und der Vater sich der Hilfeleistung entzog, wie die Gesellschaft auch. Liesau findet das Stilmittel des Briefes, in dem die Protagonistin ihre intimsten Geschichten und Gefühle dem abwesenden Vater anvertraut, der für mich auf einer Stufe mit gesellschaftlicher Verantwortung steht. Zumal allen Saufkumpanen Martinas ähnliche Geschichten den Weg in die Sucht bereitet haben und hier auch niemand eingriff. 

Der Alkohol betäubt das. Reguliert. Hält die Ängste im Zaum und die depressiven Stimmungen unten. Er ist nicht Genuss, er ist Notwendigkeit. Und wenn er als Betäubung versagt, wenn die Psychose einsetzt, bricht das ursprüngliche Körpererleben wieder durch, in seiner rohen, unverarbeiteten Form.

Die Selbstverletzung, zu der der Roman sich vorarbeitet, kommt zwar als Schock, doch ist sie logische Konsequenz. Liesau hat den Titel nicht zufällig gewählt: *Es war nicht anders möglich* ist keine Entschuldigung. Es ist eine Diagnose.

Sprachlich trägt Liesau dieses schwere Material mit einer Energie, die ihre Bühnenherkunft nicht verleugnen kann. 

Die Dialoge sitzen, das Timing zwischen Irrwitz und Abgrund ist präzise, der Berliner Realismus hat eine wüste Poesie, die sich nicht zuletzt in einer nostalgischen Hymne auf die Eckkneipe als Ort der Geselligkeit äußert: jenem Raum, in dem Fremde einander außerhalb ihrer Blase begegnen, miteinander reden und in dem Wundersames passieren kann.

Dass mir der Roman auf den letzten Seiten dennoch etwas entgleitet, liegt am zunehmend verzerrten Stoff, der sich in wilden inneren Phantasmen der Kontrolle entzieht. Als wäre Liesau selbst zu nah am Material, um es auf der Zielgeraden noch auf Distanz zu halten.

Ein starkes, unbequemes Debüt, über eine Frau, die nie gelernt hat, dass ihr Körper ihr gehört. Und über die stille, brutale Logik hinter der Sucht.

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