„Don‘t miss the Clitoris“ von Prof. Dr. Mandy Mangler mit Esther Kogelboom

Eine Bedienungsanleitung

Der Klappentext bringt es auf den Punkt: Frauen wollen nicht weniger Sex als Männer, sie wollen oft nur nicht den Sex, der ihnen geboten wird. 

Mit diesem Satz ist die Stoßrichtung des Buches präzise benannt, und Mandy Mangler sowie Esther Kogelboom halten, was diese Ankündigung verspricht: eine wissenschaftlich fundierte, dabei erfrischend unterhaltsame Erkundung der Klitoris, die auf Aufklärung im doppelten Sinne zielt, anatomisch wie gesellschaftlich.

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel, die von der Geschichte der weiblichen Anatomie über Lage und Funktion der Klitoris, ihr Verhältnis zum männlichen Pendant, die Frage nach dem G-Punkt bis hin zu Beckenbodengymnastik, vorgespieltem Orgasmus und Solosex mit und ohne Hilfsmittel reichen. 

Der Bogen ist weit, die Haltung konsequent: Hier wird nichts beschönigt und nichts ausgespart.

Besonders eindrücklich ist ein kleiner Test, den die Autorinnen vorschlagen: Man bitte eine Runde Frauen, eine weibliche Klitoris und einen männlichen Penis zu zeichnen. Das Ergebnis, so die Autorinnen, ist verblüffend. Das kleine Stehaufmännchen können nahezu alle skizzieren, sein Gegenstück hingegen nicht. 

Das  jeder Teil der Klitoris ein Äquivalent am Penis hat, nur eben in anderer Form (S. 45), sollte eigentlich anatomisches Grundwissen sein, ist es aber, wie das Buch überzeugend zeigt.

Dass uns das kaum wundert, sagt bereits alles über das kulturelle Gefälle aus, das dieses Buch zu vermessen versucht.

Dass der Begriff „Scheide” das schabende Geräusch beim Herausziehen eines Schwertes aus seinem Behältnis mitdenkt (S. 12), gibt nicht nur sprachgeschichtlich zu denken. 

Dass die kollektive Ignoranz der Klitoris politisch ist (S. 14), formuliert das Buch ohne Umschweife. 

Dass Genitalverstümmelung in Deutschland erst seit September 2023 als eigener Straftatbestand gemäß § 226a StGB eingestuft ist (S. 31), ist eine erschütternde Tatsache. 

Nüchtern fällt das Urteil zum G-Punkt aus: „Verlässlich belegt ist der G-Punkt nicht” (S. 61), wobei die Autorinnen immerhin auch einen A-Punkt ins Gespräch bringen (S. 67). 

Diese Bereitschaft, zwischen gesichertem Wissen und offenem Forschungsstand zu unterscheiden, gehört zu den Stärken des Buches.

Formal unterstützt wird die Lektüre durch anatomische Zeichnungen mit Lageplan, die mitunter etwas technisch wirken, aber durch kleine Herzchen ihren didaktischen Ernst angenehm brechen. Am Ende jedes Kapitels bündeln rot hinterlegte Zusammenfassungen die wesentlichen Fakten, was das Buch auch als Nachschlagewerk tauglich macht.

Nicht zuletzt sei der Name Helen O’Connell erwähnt: Die australische Urologin hat wesentlich dazu beigetragen, die Klitoris als vollständiges anatomisches Organ wissenschaftlich zu beschreiben und sichtbar zu machen. 

Mangler und Kogelboom stehen in dieser Tradition, mit dem Unterschied, dass sie ihr Wissen in eine Form bringen, die auch außerhalb akademischer Kreise wirkt.

„Don’t miss the Clitoris” ist eine wissenschaftlich fundierte, lustvolle Begegnung mit einem Körperteil, für den es höchste Zeit ist, ihn in voller Pracht zu zeigen und zu sagen, Lust ist absolut weiblich.

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