„Der andere Arthur“ von Liz Moore

„Ich habe das Gefühl, Menschen sind erst dann wirklich tot, wenn man nichts Neues mehr über sie erfährt.“ Seite 369

Charlene, 19, betritt voller Stolz den Seminarraum eines College. Sie trägt Rot, Grün und Gelb und „sie sieht aus wie eine Ampel“ (S. 19) . Es ist die Zeit überdimensionierter Schulterpolster, quietschbunter T-Shirts und Schlaghosen; doch modische Lautstärke ersetzt keine soziale Präsenz.

Charlene ist sehr still. Sie fällt kaum auf, spricht wenig und glänzt nicht durch intellektuelle Brillanz. Und doch ist sie es, zu der Dr. Arthur Opp, Leiter ihres Abendschulkurses für Literatur, eine Verbindung herstellt.

Eine Verbindung, die über eine persönliche Beziehung in eine jahrelange Brieffreundschaft mündet.

Jahre später fragt sich Arthur, weshalb gerade diese mehr als durchschnittliche junge Frau für ihn erreichbar war, während ihm Nähe sonst misslang.

Die Antwort, die er sich gibt, führt ins Zentrum des Romans. Charlene war eine Ungesehene. Eine Überseele der Einsamkeit, wie er selbst. Vom Leben und der Liebe übersehen, früh bereit zum Rückzug in eine innere Welt, die fast nur Ersatzbefriedigungen kennt. Essen, Alkohol und Drogen.

Moore beschreibt diesen Rückzug als schleichende Entgegenwärtigung, als abschüssige Chaussee ins Nichts, in den Club der Einsamen und Unsichtbaren.

Dabei verfällt der Roman nie in bloße Anklage. Moore zeigt zweierlei zugleich: die persönliche Verantwortung, den Bann der Isolation zu brechen. Sich quasi an den Haaren selbst aus dem Sumpf zu ziehen bzw. ziehen zu lassen. Aber auch unsere kollektive, gesellschaftliche Pflicht, die Unsichtbaren wahrzunehmen. 

Denn in diesem „Club“ befinden sich all jene, „die einsam oder krank oder extrem traurig sind“ (S. 339). 

Der Ton, den Moore anschlägt ist bisweilen leicht sentimental auch verloren. Die umgreifende Trauer schwärzt die Seele ein und rührt an.

Doch ebenso zeigt sie Wärme und Zärtlichkeit, lässt den Lesenden an Arthurs Hilfsbereitschaft teilhaben, an Kels Liebe zum Sport oder an Charelens glücklichen Momenten mit ihrem Sohn.

Man möchte diese so lebhaft gezeichneten Figuren nicht mehr verlassen. 

Der Roman kennt das Paradox der Einsamkeit genau: „Jeden Tag verliert jemand den Anschluss an die Welt … die Schlange frisst ihren Schwanz … und dann muss er ständig zur einsamen Überseele schauen, um Hilfe zu bekommen“ (S. 339). Erkenntnis ist hier ein langsames, schmerzhaftes Sich-Erkennen im Anderen.

Literarisch lässt sich Der andere Arthur als moderne Variation des Erkenntnismotivs lesen. Wissen entsteht aus Beziehung, Selbstverständnis aus der Spiegelung im Gegenüber.

Moore schrieb den Roman schon 2012. Mir persönlich hat er sogar besser gefallen als der Nachfolger „Der Gott des Waldes“, weil er für mich vielschichtigere Charaktere anbietet. 

Wieder grandios übersetzt von Cornelius Hartz

🐸 Mehr Rezensionen: , ,