„„Ich war siebzehn und hatte den Rausch entdeckt. Er gefiel mir besser als die Wirklichkeit. Seite 42
Es gibt Romane, die erzählen Geschichte. Und es gibt Romane, die lassen Geschichte fühlen wie klebriges Polyester und den Kopfschmerz nach zu viel Rosenthaler Kadarka.
Anke Engelmanns Blender ist beides zugleich: Schelmenroman und Tragikomödie. Der Roman erzählt vom Kunstfälscher Hannes Bohn und davon, was geschieht, wenn ein notorischer Pechvogel und Lügner mit beträchtlichem zeichnerischem Talent ausgerechnet im Arbeiter- und Bauernstaat seinen Weg nach oben sucht.
Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich wie vor einer DDR-Abendprogramm-Wiederholung von Die Olsenbande: Hannes Bohn ist Egon, nur ohne Plan, dafür mit umso größerer Selbstüberschätzung.
Ein Taugenichts, Betrüger, moralisch flexibel wie ein ausgeleierter Trabant-Keilriemen. Während andere Menschen wenigstens gelegentlich zufällig richtig liegen, nimmt Hannes mit traumwandlerischer Sicherheit die falsche Abzweigung. Das Pech klebt an ihm wie Schweiß im Polyesterhemd.
Und doch ist er kein eindimensionaler Gauner. Zwischen den Zeilen schimmert Sympathie durch.
Engelmann gönnt ihrem Antihelden eine echte Begabung: Er kann zeichnen. Und dieses Talent rettet ihn, zumindest zeitweise, aus den selbstgeschaffenen Dornenhecken.
Tragisch wird es dort, wo Hannes einmal nicht an sich denkt. Ausgerechnet sein seltenes selbstloses Handeln führt ins Verderben.
Denn wir befinden uns in der DDR, jener Gesellschaft, in der Ordnung herrscht und Paragraphen. Hannes stolpert über den berüchtigten „Asozialen-Paragraphen“ und landet im Gefängnis. Zudem zieht er die Aufmerksamkeit der „Firma“ auf sich, jener Institution, die offiziell „dem Staatssicherheitsdienst“ heißt – „DEM Stasi“, wie das Buch süffisant präzisiert.
Was satirisch klingt, ist beunruhigend nah an der historischen Realität. Engelmann überzeichnet, aber sie erfindet nicht. Das Netz der IMs, die allgegenwärtige Kontrolle, die subtile Einschüchterung, all das ist nicht Kulisse, es war Realität.
Dabei ist Blender kein bleischwerer Erinnerungsroman. Engelmann schreibt mit Lust am Sprachwitz und einer genauen Kenntnis sozialistischer Sprachregelungen. Sie jongliert mit Funktionärsfloskeln, als hätte sie im Feuilleton des Neuen Deutschland volontiert.
Der Witz entsteht aus der präzisen Beobachtung, und deckt sich mit Zeitzeugenaussagen. Der erste Vollrausch mit Kumpeltod, die klebrigen Afro-Frucht-Dropse ohne erkennbare Frucht oder der Schulausflug zum Panorama in Bad Frankenhausen mit Tübkes monumentaler „Schlacht bei Frankenhausen“ , genannt Elefantenklo. Alles kulturhistorisch belegt
Doch Engelmann spart die dunklen Töne nicht aus. Die Situation der algerischen Vertragsarbeiter, die rassistischen Anfeindungen, die latente Gewalt. All das wird nicht relativiert. Wenn der Roman hier überzeichnet, dann um die Absurdität und Brutalität des Alltags sichtbar zu machen. Der Humor bleibt, aber er bekommt Schärfe.
Formal ist Blender ein klassischer Schelmenroman im modernen Gewand: episodisch gebaut, mit einem Antihelden, der weniger aus Bosheit als aus Schwäche und Hybris scheitert.
Inhaltlich ist er eine literarische Zeitreise in die späten Achtziger, in jene Phase der Zeitenwende 1989/90, in der Gewissheiten bröckelten und Opportunisten wie Idealisten gleichermaßen ins Schleudern gerieten. Hannes wird dabei zum Seismographen eines Systems im Zerfall. Zwischen Gut und Böse hin- und hergeworfen, weiß er am Ende selbst nicht mehr, wer er ist: Mann oder Maus?
Wer verstehen will, wie sich Alltag, Anpassung, Kriminalität und Politik in einer Diktatur verschränken, findet hier eine ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Lektüre.
Anke Engelmann ist mit Blender ein Kunststück gelungen: ein atmosphärisch dichtes, humorvolles und zugleich ernüchterndes Porträt der späten DDR.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…