„Abseits“ von Ulrich Rüdenauer“

„Ein angekündigter Schmerz ist unermesslich. Ein plötzlicher ist kaum der Rede wert. Seite 100

Ein Detail erschloss sich erst beim Zuklappen des Buches: die Doppelbedeutung des Titels „Abseits“. Doch es soll bei der naheliegenden Lesart belassen werden, um den Reiz jener zweiten Bedeutung nicht vorwegzunehmen.

Im Zentrum steht der neunjährige Richard, der von sich sagt: „Er war schon an einigen Orten gewesen, aber nirgendwo zu Hause“ (S. 138). 

In diesem einen Satz verdichtet sich die gesamte Topografie seines Daseins. 

Richard lebt im Abseits. Ein kleiner, schmächtiger Bub in einem katholisch verkrusteten Dorf, geduldet auf dem Hof des Onkels, eingepasst zwischen Cousins und Cousinen wie ein Möbelstück, das man am liebsten wegwerfen würde, aber ab und an gebrauchen kann.

Er kennt seinen Status. Er weiß um den stets eingeforderten Dankbarkeitsdienst, um den Platz am Rand des Tisches, darum eine Schande zu sein, ohne zu wissen, weshalb. 

Antworten bleiben aus. Fragen versickern im Boden des Hofes oder im Wegsehen der Tante. Was bleibt, ist Arbeit und Gebet. 

Schreiben und Lesen gelten als entbehrlicher Luxus. Doch Richard liest und er träumt. Tief in sich spürt er eine Andersartigkeit, die er nicht artikulieren kann, aber intuitiv als Ressource begreift. Bildung erscheint ihm, noch namenlos, als möglicher Schlüssel aus dem Kreislauf der Armut. Diese Ahnung ist eine kindlich leise Wahrnehmung.

Richard entzieht sich der Strenge des Onkels durch kleine Akte der Verweigerung: gedankliche Spaziergänge in erfundene Welten, müßiges Sonnenbaden, das Gesicht der Wärme entgegengestreckt, die ihm menschlich verwehrt bleibt. Wo Liebe fehlt, imaginiert er ein Lächeln. Nicht, weil es da wäre, sondern weil es dort gut wäre.

Der Autor vollzieht eine bemerkenswerte Perspektivleistung: Er versetzt sich in den Erfahrungsraum eines Neunjährigen, der Worte nicht immer versteht, deren Bedeutung aber erspürt. Richards innere Sprache ist kindlich-naiv. Sie ist tastend, bildhaft, fragmentarisch. Wir hören seine inneren Monologe, seine Deutungsversuche, seine vorsichtigen Selbstvergewisserungen.

Zugleich tritt die Erzählstimme gelegentlich aus dieser Binnenperspektive heraus. Sie kommentiert und relativiert. Sie bietet alternative Möglichkeiten an: Vielleicht war es so, vielleicht auch anders. Vielleicht hat Richard es so empfunden oder die Erinnerung hat es nachträglich geformt. Diese Meta-Ebene verleiht dem Text eine leise Unruhe.

Sprachlich verdichtet der Roman Richards Randexistenz mit auffälliger Konsequenz. Es gibt die „echten“ Kinder – und Richard. Den „Fast-Bruder“, die „falschen Geschwister“. Die Terminologie markiert Zugehörigkeit und Ausschluss gleichermaßen. Sprache wird hier zum Instrument der sozialen Grenzziehung. 

Sie fixiert Differenz, schafft Hierarchie und hält Abstand. Nur selten bekommt diese Barriere Risse, wenn der „falsche Bruder Paul“ plötzlich einfach Paul ist. In solchen Momenten blitzt die Möglichkeit von Nähe auf, bevor sie wieder im System der Hierarchie verschwindet.

Warum Richard seine Eltern nicht kennt, entfaltet sich langsam, beinahe zögerlich. Gesprächsfetzen, Zeitungsartikel, Fotografien, fügen sich Stück für Stück zu einem Bild. 

Es ist eine narrative Archäologie: Der Junge sammelt Spuren, ohne sie zunächst deuten zu können. Erst retrospektiv gewinnen sie Kontur. Diese Enthüllung geschieht in einer poetischen Trägheit, die dem Text seinen eigentümlichen Rhythmus verleiht. Kleine philosophische Einsprengsel über Schuld, Herkunft, Zufall bettet der Autor organisch mit ein.

Irritiert hat mich allerdings die marginale Präsenz der Mädchenfiguren. Sie führen ein Schattendasein, werden erwähnt, ohne erzählerische Substanz zu erhalten. Handelt es sich um bewusste Reduktion, eine Spiegelung der männlich dominierten Wahrnehmungswelt?

Oder um eine Unachtsamkeit, ein blinder Fleck des Erzählens? Die Frage bleibt offen. Gerade weil der Roman so sensibel mit Ausgrenzung umgeht, fällt diese Leerstelle ins Blickfeld des Lesenden. 

An der Geschichte des Jungen zeigt der Roman, wie der Krieg in den Familien weit über dessen Ende fortwirkt. Seine Unmenschlichkeit setzt sich im Leben des Kindes fort.

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