„Das Leben, das nichts als eine Blumenwiese zu sein scheint, hat schon erste Löcher.“ (S. 10)
Ein Satz des scheinbaren Idylls, dass gerade in Auflösung begriffen ist, bevor man sich darin einrichten kann.
Eva Baltasars „Boulder“ ist nach diesem Muster gebaut: Jede Gewissheit trägt ihren Riss schon in sich.
Boulder ist Selfmade-Köchin, in der Küche gelingt ihr, was ihr bei den Menschen kaum gelingt. Damit ihr niemand in die Quere kommt, heuert sie auf einem Schiff an. Einziges Eigentum sind Ihre Messer, sie sie wie ihre Begierde in ihrer kleinen Kabine einsperrt, wo sich Erinnerungen an einen einzigen Punkt zwischen ihren Beinen sammeln.
Selbst beim Kneten des Empanada-Teigs drängen sich Schenkel und Brüste in ihre Gedanken.
Dann zwingt ein Sturm das Schiff vor Anker, und Samsa tritt auf, deren Blick sie wie ein Lasso anzieht. Von nun an richtet sich die Beziehung nach dem Takt der Reisen: mal Tage, mal Wochen, das Begehren bleibt konstant.
Samsa gibt ihrer Liebhaberin den Namen Boulder nach einem Findling im Süden Patagoniens. Sie ist für sie ein Fels, an dem sich das Wasser je nach Wetter bricht oder anschmiegt.
Doch wer benennt, greift zu, und wer den Namen von Kafkas Gregor trägt, trägt die Verwandlung gleich mit. Sie trifft bei Baltasar nicht die Benannte, sondern die Benennende. Gregor verliert seine Freiheit durch ein Verhängnis, Boulder gibt sie her: nicht gezwungen, sondern aus Angst, Samsa zu verlieren.
Die Unverbindlichkeit schwindet, als Samsa eine Stelle in Reykjavik annimmt, ein Heim will und später ein Kind. Neue Häuser, so heißt es, haben eine hungrige Seele, die an Freiheit und Unabhängigkeit zehrt und jede Leidenschaft aussaugt. Das Haus ist hier nicht Schutzraum, sondern gieriges Maul.
Was Baltasar gelingt, geschieht in der Sprache. Der stumme Kampf zwischen Gehen und Bleiben bekommt Sätze von zwingender, fast besessener Bauart: „Der Wandel ist hereingebrochen wie ein ungeübter Schnabel, der auf mich einhackt und mich unnötig verletzt.“ (S. 36)
Der Schnabel ist ungeübt, und gerade das macht den Schmerz unnötig; die Verletzung geschieht nicht aus Berechnung, sondern aus Ungeschick.
Das Erotische wird animalisch, heftig sinnlich beschrieben, Verlangen und Sehnsucht nach Berührung, nach dem Sichfallenlassen. Wütend, brutal, egoistisch und doch poetisch: Dieses Register hält der Text durch, und es zwingt zum Mitgehen. Wenn Boulder vor einem Date ihre Absichten so beschreibt, als gehe es darum, das Land der Vorfahren zurückzuerobern, dann kehrt die Liebe in die Sprache des Krieges zurück.
Ob es um Nähe geht oder um Inbesitznahme, lässt der Roman fühlen.
Auch die Sprache selbst wird zur Instanz: Heimat, Zugehörigkeit, womöglich Hinderungsgrund, überall und bis in die entlegensten Stellen vorgedrungen. Sie ist tyrannisch, denn sie macht verantwortlich für jedes Wort. Petra Zickmanns Übersetzung hält diese Spannung aus, ohne sie zu glätten; die Härte bleibt Härte, die Poesie bleibt geschmeidig.
Dass die englische Ausgabe in der Übersetzung von Julia Sanches 2023 auf der Shortlist des International Booker Prize stand und die Jury von einem Buch einer Dichterin sprach, ist kein Zufall: Die Spannung dieses Textes sitzt nicht im Plot, sondern im Satz.
Raue, exzentrische Figuren, die sich dem Schubladendenken beharrlich verweigern, sind selten geworden. Boulder ist eine, zurückhaltend und doch mit fast männlichen Zügen, frei und einsam in einem. Was geschieht mit einem Findling, der nicht mehr gefunden werden will, aber auch nicht liegen bleiben kann?
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Schöffling Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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