„das Tempo“ von Wiebke Porombka

„(P)aßt du nicht auf den Omnibus, fährt er dich zu Appelmus.“  S.32

Dass ein Großstadtroman seine Verkehrswarnung im Takt eines Kinderreims ausspricht, verrät bereits die Anlage des ganzen Essays: Tempo erscheint hier nicht als Fortschrittsbegriff, sondern als Rhythmus, der jederzeit zwischen Bedrohung und Pointe kippen kann.

Seit einigen Jahren lädt der Grazer Literaturverlag Droschl in seiner Reihe Gedankenspiele Autorinnen und Autoren ein, sich einem einzigen Wort zu nähern: Michael Köhlmeier dem Gelingen, Eva Menasse dem Kompromiss, Clemens J. Setz der Wahrheit. Achtundvierzig Seiten, gebunden, der Umschlag in Kaltfolie. Schon das Format ist eine Aussage über Zeit. Man liest diese Bände in einer Stunde und denkt ihnen deutlich länger nach.

Wiebke Porombka, 1977 in Bremen geboren, Literaturkritikerin unter anderem für die FAZ und den Deutschlandfunk, hat über die Medialität urbaner Infrastrukturen promoviert. Das ist mehr als eine biografische Randnotiz. Wer untersucht hat, wie Straßen, Leitungen und Verkehrsströme eine Stadt nicht bloß versorgen, sondern formen, liest Döblins Omnibus als Taktgeber. Der Verlag verspricht, auch der Essay selbst lege Seite um Seite an Tempo zu.

Die Beschleunigung vollzieht sich nicht in der Syntax, sondern im Stoff. Porombka beginnt bei der Pferdedroschke und endet bei deutlich schnelleren Vehikeln und wer ihr folgt, sitzt gleichsam in jedem dieser Verkehrsmittel einmal mit.

Dass diese Reise ausgerechnet in einem Verlag namens Droschl mit der Droschke beginnt, mag Zufall sein; es passt dennoch zu einem Text, der seine Pointen gern im Nebensatz versteckt.

Was sich dabei früh zeigt, ist die Nähe des Tempos zur Komik. Die Verfolgungsjagden der Stummfilmzeit leben davon, dass Geschwindigkeit für einen Augenblick zusammenzwingt, was nicht zusammengehört: den Körper und das Hindernis, die Flucht und deren Ende am Laternenmast.

Der Lacher gilt nicht der Schnelligkeit, sondern ihrem Scheitern. Henri Bergson hat das Komische einmal als Mechanisches beschrieben, das sich über das Lebendige legt, und genau in diesem Moment des Aufpralls wird der Mensch kurz zur Maschine, die nicht bremsen kann.

Von dort wandert der Essay in den Alltag, wo Tempo weniger Erfahrung ist als Versprechen. Die 5-Minuten-Terrine, der Thermomix, das Fastfood und alles, was sich to go nennt, verkaufen gewonnene Zeit, ohne je zu sagen, wofür sie gewonnen sein soll. Am deutlichsten wird dies beim Einwegtaschentuch, das den Namen gleich ganz übernommen hat. Schnelligkeit und Wegwerfbarkeit fallen hier in einem Markennamen zusammen.

Daneben stehen die Musik, in der Tempo ein Fachbegriff ist, das Märchen, der Großstadtverkehr. So entsteht kein systematischer Traktat, sondern eine kluge Wanderung durch die Kulturgeschichte, die erheitert und zugleich bildet. Manche Anekdote verlangt geradezu danach, nachgelesen oder nachgehört zu werden, etwa Eberhard Esches Vortrag von Sergej Michalkows „Der Hase im Rausch“. Der Hase, Wappentier der Geschwindigkeit, taucht in diesem Band nicht zufällig mehr als einmal auf.

Am Ende steht keine Theorie der Beschleunigung, sondern eine Frage: welches Tempo eine Gesellschaft stillschweigend als normal voraussetzt. Damit wendet sich der Blick vom Fahrzeug ab und den Menschen am Straßenrand zu. Döblins Omnibus warnt nur jene, die nicht aufpassen; über das Tempo des Omnibus selbst verliert der Reim kein Wort. Wer legt die Geschwindigkeit fest, an der gemessen wird, wer zu langsam ist? Und wem fällt diese Norm überhaupt auf, solange er selbst noch mithalten kann?

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Literaturverlag Droschl zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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