„Du warst die kurze Zeit, in der ich angefangen habe, dich wirklich zu sehen. 172
„Es wird trotzdem wieder Sommer werden.“ (S. 94)
Der Satz gibt dem Buch seinen Namen, taucht mittendrin auf, genau dort, wo aus dem Versprechen des Titels leise Hoffnung erwacht, die sich die Texte erst erarbeiten mussten.
Ein Anruf. Intensivstation. Der Vater. Tod.
Sebastian Becker erzählt autobiografisch in Kurztexten und Szenen und Anekdoten von der Beziehung zu seinem Vater, der plötzlich stirbt. Er kann den Satz sagen, nicht aber, was er bedeutet. Rückblickend schildert er den ersten Anruf, die leise Hoffnung auf der Fahrt ins Krankenhaus, das Bild des stummen, schwarzen Monitors, danach die Wohnung, allein.
„Die Trauer kam an einem Samstag. Ein kurzer Anruf – und dann war sie da, stand vor der Tür.“ (S. 13)
Becker personifiziert die Trauer als ungebetenen Gast, der sich in der Wohnung einnistet wie ein Mietnomade und darin ausbreitet wie eine Schlingpflanze. Begegnen wollte er ihr erst mit grauen Haaren, geübt im Altsein, nicht mit Ende zwanzig.
Die kurzen Texte springen durch die Zeit, das Davor und das Danach, mit dem Tod des Vaters als einziger fester Trennlinie. Becker will in seiner Trauer nicht cool sein, sondern traurig, und sucht deshalb in der eigenen Muttersprache nach Worten, die sich nicht schön schleifen lassen. Trauer, so zeigt der Text, verträgt keine Politur, zu viel Ehrlichkeit liegt in ihr.
Becker schreibt sich über die eigene Sprachlosigkeit hinweg. Er schreibt gegen sie an.
Diese Ehrlichkeit kippt nirgends ins Sentimentale, weil Becker stets bei sich bleibt, nahbar, sehr privat.
Gerade in den kleinsten Dingen liegt die größte Entblößung: in einer Schneesuppe, die keiner mehr kocht, kein Abholen mehr am Bahnhof, in der Paywall vor der Todesanzeige, hinter der sich sein Schmerz verbirgt, für den er bezahlen soll, um ihn lesen zu dürfen.
Der Text entwaffnet gerade dort, wo er auf jede schützende Distanz verzichtet.
Becker fällt auf, wie konsequent er seinen Vater nur aus der Ich-Perspektive betrachtet hat.
Die eigenen kleinen Verletzungen, den eigenen Verlust, die eigene Trauer, nie die des Vaters selbst; wie egozentrisch dieser Blick gewesen ist, räumt er selbstkritisch ein.
Kinder, so die stille These des Buches, nehmen ihre Eltern als selbstverständlich hin, die längst, bevor das eigene Denken einsetzte, deren Bedürfnisse erfüllten. Erst jetzt, an der Leerstelle, die der Vater hinterlassen hat, fragt er zurück: Was hat seinen Vater beschäftigt, als er selbst so alt war wie der Sohn heute? Was hat er gefühlt, gedacht. Dem Vater ist der Tod passiert, nicht ihm.
Die gekritzelten Zwischenüberschriften und die Sonnenblumen, die mal strahlen, mal welken, sind bei einem Autor, der seit 2012 unter dem Namen Tschief mit seiner Handschrift bekannt wurde, kein Zufall, sondern Fortsetzung eines Markenzeichens auf Buchseiten. Was Becker hier gelingt, ist die Verschiebung vom Klischee des Trauerbuchs zur genauen Beobachtung der Trauer selbst und des eigenen wie fremden Sprachverlusts.
Stilistisch erinnern einige seiner Passagen in ihrer Tonlage an Caro Wahl: jung, frech, ein wenig provokant. Nicht zufällig ist es wohl, dass Wahl dieses Buch in einem Blurb empfiehlt.
Und zwar so unnachahmlich sie, dass sie darin das Fazit des Buches bereits vorwegnimmt: seine Lieben jetzt zu fragen wie es ihnen geht, ihnen zu sagen, dass man sie liebt, denn ein Später gibt es vielleicht nicht.
„Du warst die kurze Zeit, in der ich angefangen habe, dich wirklich zu sehen.“ (S. 172)
Der Schlusssatz kehrt zurück zum Himmelblau des Covers, unter dem sich, sobald man das Buch aufschlägt, Sonnengelb verbirgt, zur dunklen Wolke, die über allem zieht. Ob der Sommer, den der Titel verspricht, tatsächlich kommt oder ob er selbst nur eine weitere Erinnerung bleibt, die sich Becker schreibend zurückholt, lässt das Buch offen.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Rowohlt Polaris zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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