„Du bist jetzt fast nicht mehr da, und irgendwie doch noch.“ (S. 96)
Es beginnt mit Schmetterlingen und neckenden Freundinnen, die Mr. New endlich kennenlernen wollen. Eben wie Liebesgeschichten so beginnen, mit Kribbeln und Vorfreude, mit jenen ersten Wochen, in denen alles möglich scheint und nichts gewiss ist.
Rosa und Nikolas verlieben sich, und keiner von beiden ahnt, wie wenig Zeit ihnen für diese Liebe bleibt. Nikolas stirbt mitten in der Hochphase ihres Verliebtseins bei einem tragischen Unfall.
Was bleibt, ist eine Frau, die nicht weiß, wen sie eigentlich verloren hat. Denn das ist die eigentliche Bewegung dieses Romans. Drei Monate sind keine Zeit, um einen Menschen zu verstehen, schon gar nicht einen, der zögert, sich vorzustellen, der tagelang verschwindet, ohne sich zu melden, der lügt und für den Rosa stets Entschuldigungen findet. Sie wünscht sich Normalität statt Ausnahmezustand, doch was sie bekommt, ist ein On-off, das sie an sich selbst zweifeln lässt.
Ist sie schön genug, ist sie ihn wert? Steffi, ihre beste Freundin, bringt es spitz auf den Punkt: „Jeder sucht sich seinen eigenen Dolch zum Hineinwerfen.“ (S. 110) Ein Satz, der ungeschönt Rosas Selbstzweifel beschreibt, aber auch jenes Muster der Liebenden, die sich aus der eigenen Unsicherheit heraus immer wieder selbst verletzen.
Bei der Schilderung des Unfalls wechselt Timothy Paul die Tonlage radikal. Die Sprache wird stenographisch, einzelne Bilder zerspringen, kaleidoskopartig setzt sich Rosas Erinnerung an das Geschehen zusammen, die Chronologie der Tragödie zeigt sich in Sätzen, die zu einem Wort zusammenschnurren.
„Warumhastdunichtaufgepasst“ (S. 230) ist so ein Wortklumpen, der ungebremst in einen hineinfährt. Hier zeigt sich, was ein Lektor, der die Seiten gewechselt hat, an Handwerk mitbringt: Paul, jahrzehntelang selbst Programmleiter und Verlagsleiter, bevor er seinen ersten Roman schrieb, weiß, wann Sprache sich aus den eigenen Konventionen lösen muss, um Empfindung freizugeben.
Auch die Idee, Rosa ein Notizbuch führen zu lassen, reiht sich in diese Textbrechung ein. Hier wird dem Lesenden auch bildhaft ein Einblick in ihr Inneres gewährt.
Wir blicken in ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Zweifel und die Versuche des Selbstbetruges, die sie dann konsequent durchstreicht, dann wieder hinschreibt und immer wieder hinterfragt. Diese Diskrepanz zwischen aufgeschriebenem Optimismus und unbewusster Wahrheit ist eine jener feinen psychologischen Beobachtungen des Romans.
Rosas Suche nach dem Mann, den sie liebte, beginnt mit dem Inhalt einer Blechdose. Kleine Habseligkeiten von Nikolas finden sich darin, und unter ihnen eine Adresse, die Rosas erster konkreter Anhaltspunkt wird: Maschlin, oder Jazzy, oder Jasmin, eine Influencerin, die vom „Paradiesvogel Nicky“ erzählt, dem scheinbar alles zuflog. Oder der nächste Mosaikstein Oliver, einst bester Schulfreund, der Niko als damals schüchtern und gut im Zeichnen beschreibt, bis er sich plötzlich veränderte.
„Du bist jetzt fast nicht mehr da, und irgendwie doch noch.“ (S. 96)
In Teil 2 des Romans geht Rosa auf Spurensuche. Sie will den Mann im Nachhinein kennenlernen, mit dem sie vielleicht die große Liebe hätte erleben können, wenn es die überhaupt gibt. Wie eine Archäologin legt sie Schicht um Schicht frei, und den Lesenden erwarten hier einige unglaubliche Plottwists.
Nikolas erweist sich als ein vielschichtiges Chamäleon, der Autor schildert ihn in seiner gesamten Komplexität und fördert so manch Überraschendes zu Tage. Nikolas ist ein Mann, der durch sein fabelhaftes Aussehen leicht durch die Welt kam, der erfolgreich als Model gearbeitet hat und eigentlich keinen Grund für Minderwertigkeitskomplexe hätte haben dürfen.
Dieser Mann erliegt immer öfter einem zwanghaften Adrenalinrausch. Er liefert sich Zweikämpfe mit den Elementen oder einem Umzugswagen und verliert sie beinahe.
Dieses Thrill-Seeking, dieses bewusste Eingehen von Risiken, dessen Wurzeln in der Kindheit liegen, verschafft ihm ein intensives Gefühl von Lebendigkeit und ist Ventil, um Gefühlsdruck abzubauen. Hier streift der Roman jenes Feld, in dem äußere Schönheit und inneres Mangelgefühl in keinem Verhältnis zueinander stehen, ein Thema, das nicht geklärt wird, das aber genug Tiefe hat, um im Kopf zu bleiben.
Was der Autor als meisterhafte Gabe besitzt, ist die Gestaltung von Dialogen. Sie zünden wie ein Feuerwerk, machen ordentlich Krach und fliegen dem Lesenden nur so um die Ohren. Sie tragen die Dynamik nicht nur zwischen den Freundinnen.
Und gerade weil Paul den Humor so unmittelbar in einen hineintreibt, treffen die Plottwists zwischen damals und heute umso härter. Man lacht und weint noch im selben Kapitel, und das ist keine Effekthascherei, sondern handwerkliche Präzision in der Tonsetzung.
„Eine Liebe ohne Sommer“ ist ein Roman, der genau das tut, was sein Titel verspricht: Er erzählt von einer Liebe, der die Zeit zum Reifen fehlte, und vom Versuch, im Nachhinein zu verstehen, wen und ob man eigentlich geliebt hat.
Es ist ein Buch von sommerwarmer Leichtigkeit und zugleich von trauernder Tiefe. Timothy Paul beweist in seinem Debüt, dass er nicht nur ein Lektor mit Gespür für andere Stimmen ist, sondern auch eine eigene besitzt.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…