„Das war nicht anders möglich“ von Adrian H. Koerfer

„Bei uns regierten nur Geld und Kälte.“ S 29

Der Titel des Buches ist auch der letzte Satz im Buch. Dazwischen liegt ein Martyrium.

Der Autor, Adrian H. Koerfer, Jahrgang 1955, Kunsthistoriker, Germanist, Träger des Bundesverdienstkreuzes, legt mit diesem Memoir keine literarische Fingerübung vor. Er legt Zeugnis ab. Über eine Kindheit, die ihren Namen kaum verdient. Über eine Jugend, die in der Hölle endete. Und über das jahrzehntelange Schweigen, das beides erst möglich machte.

Koerfer wächst als Drilling in materiell gesicherter Welt auf. Hochherrschaftliches Haus, Angestellte, alles vorhanden, was Geld kaufen kann. Was es nicht kaufen kann, fehlt vollständig: Zärtlichkeit, Fürsorge, Anwesenheit. Das Einzige, was in diesem Haus wirklich wohnt, ist die Stille. Koerfer nennt es Wohlstandsverwahrlosung, und er tut das mit einer Sprache, die zunächst fast mit heiterer Ironie daherkommt, bisweilen zynisch anklingt, als halte er Distanz zu dem Kind, das er einmal war.

Der Vater: ein Mann im Dreiteiler. Ein Zombie, ein Untier, ein Diktator, dem Koerfer selbst eine Verwandtschaft mit dem Geist Nazi-Deutschlands andeutet. Jene Kälte, jener Mechanismus des Entzugs gegenüber seinen Nachkommen, der diesen die Lebenslust raubt. 

Die Chimäre trägt Anzug und schweigt. In insgesamt drei Ehen hat er zehn Kinder gezeugt oder übernommen. Um keines hat er sich je gekümmert, nur von allen verlangt, der oder die Beste zu sein, in was auch immer sie tun würden. Selbst als Puffbesitzer, merkt der Autor provokant an.

Aus dieser emotionalen Wüste heraus werden Koerfer und seine Drillingsbrüder in das Internat der Odenwaldschule abgeschoben. Was dort geschieht, ist kein Zufall und kein Einzelfall. Es ist sadistisches System. Die Lehrer, zumeist ohne pädagogischen Abschluss, die sich als wohlwollende Protegés ihrer Schüler verstehen wollten, griffen auf das Bild des griechischen Lustknaben zurück, um ihre Verbrechen zu verklären.

Der Lesende dürfte dagegen ein anderes Bild setzen, ebenfalls aus der griechischen Überlieferung: den Augiasstall. Angehäufter Unrat, institutioneller Verfall, in nie gekanntem Ausmaß. Die Kinder, ob Mädchen oder Jungen, werden schutzlos dem Egoismus der Pädosexuellen ausgeliefert. Diese ekelhafte Bande wetzt sich an ihnen wie das Schwein am Baum. Koerfer beschreibt, wie er und alle anderen direkt aus ihrer Kinderwelt in die Hölle kommen.

Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch werden Überlebende genannt. Wobei einige die Tortur nicht überstehen. Warum das Treiben so lange und so effektiv vorangetrieben werden konnte, beschreibt der Autor mit einem einzigen Wort: Omertà. Das Schweigen der Betroffenen aus einer alles überziehenden Scham, einem Selbstekel, der auf einem niedergeknüppelten Selbstbewusstsein basiert.

Der Ton des Buches verändert sich. Was anfangs larmoyant und leicht zynisch klingt, wird zur zornigen Anklage. Dieser Wandel lässt die persönliche Betroffenheit des Autors spüren, das Aufreißen alter Narben, die wohl nie abheilen werden, da Scham und Selbsthass bitter in die Wunden rinnen.

Die kurzen Kapitel und der schnelle Lesefluss tragen dazu bei, dass man als Leser kaum Luft holen kann, kaum innehalten, kaum wegsehen.

Wenn man schließlich erfährt, dass die meisten Täter ungestraft und in Würde in den Ruhestand gingen, schnellt der Puls abermals hoch. Der Autor lässt das zu. Er will, dass es wehtut. 

Auch die wahrhaft herakleische Aufgabe der Ausmistung des Augiasstalles gelingt erst 2015, mit dem endgültigen Ende der Odenwaldschule.

„Das glaubt mir doch kein Mensch.” Nur zu gern würde man den Titel als Einladung zur Ablehnung verstehen. 

Doch Koerfer macht es unmöglich, ihm nicht zu glauben.

Dieses Buch ist ein Dokument. Eine Erinnerung an eine andere, sehr dunkle Welt, die jetzt nur einen anderen Namen hat.

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