„Für uns Weiber geht es immer ums heiraten, weil uns nichts gehört, ohne heiraten, weil wir nichts zu sagen haben, außer, wenn es um die Kinder geht, weil wir ohne Heirat allein, eine einzige Last sind für alle um uns herum.“ Seite 83
Es erinnert an jenes berühmte Lehrbuch aus Harry Potters Hogwarts-Bibliothek: das Monster Book of Monsters, das seinen Lesenden an die Finger geht. Ganz so wild ist das neue Buch von Regina Denk nun nicht. Aber es teilt ordentlich aus.
Vordergründig geht es um eine klassische Dreiecksgeschichte. Die Mädchen Annemarie und Elisabeth leben auf der deutschen Seite der Salzach. Annemarie ist die Tochter der Wirtsleute, Elisabeth gehört auf den reichen Hoferbauernhof. Der Dritte im Bunde ist Hannes, geboren auf der österreichischen Seite und früh der nassen Flussbraut versprochen. Er verbindet mit seinem Floß nicht nur zwei Länder, er ist auch das Bindeglied zwischen den beiden Frauen, die das Leben allzu oft auseinanderreißen will.
Doch „Der Fährmann” ist mehr als eine Liebesgeschichte. In der Figur eines Josef Steiner bringt der Roman einen Antagonisten hervor, der direkt aus der Hölle zu kommen scheint.
In Regina Denks Roman erliegt man der Faszination des Bösen. Sie hat in der Literatur eine lange Tradition von den griechischen Tragödien bis zu Dostojewski, von Flaubert bis McCarthy. Und sie hat eine zutiefst anthropologische Wurzel. Wir verstehen uns selbst besser, wenn wir das betrachten, was wir fürchten oder ablehnen.
Sigmund Freud sprach vom „Unheimlichen”, jenem Schauer, der entsteht, wenn etwas vertraut und fremd zugleich ist. Das literarisch Böse ist genau das: nie völlig anders, immer auch ein Stück von uns. Es wohnt in Menschen, Familien und Systemen, die wir kennen.
Denk bedient die drei großen Anziehungskräfte des Bösen.
Erstens: die Moral ohne Konsequenz, bei der die Lesenden die Perspektive eines Täters einnehmen und mitfühlen können.
Zweitens: die Wahrheit, die unter der Oberfläche schimmert und fast immer ein Seismograph gesellschaftlicher Brüche ist, egal ob Patriarchat, Klassensystem, Trauma oder institutionelles Versagen. Wir finden Vieles davon im Buch. Das Böse ist nie privat, und das ist es auch bei Denks Fährmann nicht.
Drittens: Empathie als Erkenntnisform. Paradoxerweise ist das Böse in der Literatur oft ein Empathie-Training. Wir lernen nicht nur, wie Josef Steiner zum Täter wird, sondern wie weit dies in die Familie, ja in die gesamte Gesellschaft hineinreicht. Nicht um zu entschuldigen, sondern um die Bedingungen zu verstehen, unter denen das Menschliche kippt.
Denk erschafft das Böse durch eine kühle, präzise, fast affektlose Sprache. In den schlimmsten Momenten entsteht eine Diskrepanz zwischen der Nüchternheit des Erzähltons und der Schwere des Beschriebenen. Gerade in Familienromanen funktioniert das Unheil durch Schweigen, Vererbung und Komplizenschaft. Einen alleinigen Täter gibt es nicht, alle sind es irgendwie. Das ist narrativ besonders verstörend, weil es keine kathartische Bestrafung ermöglicht und keine moralische Entlastung bereithält.
Doch Regina Denk bedient sich auch poetischer Töne. In den Anderswo Kapiteln lässt sie die Salzach plätschern, ist hier Anfang und Ende zugleich.
„Der Fährmann” bleibt zwar für mich der kleine Bruder der „Schwarzgeherin”. Nicht weil er ihr in Sprachgewalt oder Komposition nachstünde, sondern weil dem Nachfolger die Originalität des Erstlings fehlt Er ist eben der Zweitgeborene und der informierte Lesende schon gewöhnt an die Düsternis der Denk.
Wer jedoch den Vorgänger nicht kennt, wird hier ebenso fortgerissen von der destruktiven, schriftstellerischen Kraft der Denk.
Nichts für schwache Nerven. Whatever you do: Don’t Pay the Ferryman.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…