„Das gute Benehmen“ von Molly Keane

„Dann Schritt sie davon, elegant, wie auf Stelzen, all den Sorgen unten am Boden.“ Seite 228

Zum Inhalt:

Aroon und ihr jüngerer Bruder Hubert wachsen auf Temple Alice, einem irischen Landsitz mit hundert Morgen Land auf. 

Sie werden umsorgt von Nanny’s und der Kinderfrau Mrs. Brock. Die Mutter reagiert auf ihre Kinder eher mit gereiztem Desinteresse und widmet sich lieber ihrem Garten oder der Malerei. Für beides hat sie eher mittelmäßiges Talent, wenn sie überhaupt über etwas verfügt, dann ist es ein angenehmes Äußeres und ein unübertroffener Standesdünkel gepaart mit schlichter Dummheit.

Der Vater ist ein Jäger. Er jagt alles, was man jagen kann, Wild, Fische und Frauen.

Für den Nachwuchs interessiert er sich peripher über das Kindermädchen und als der Sohn älter wird, als Gefährte seiner Leidenschaften.

Im Mittelpunkt der Familiengeschichte steht die Tochter Aroon St. Charles. Sie ist keine „unsympathische Figur“ im trivialen Sinn. Sie ist vielmehr eine gezielte Zumutung. Als unlikeable female character verweigert sie sich konsequent den Erwartungen, die traditionell an weibliche Romanfiguren gestellt werden: Empathie, moralische Klarheit, Opferstatus oder wenigstens Läuterung. Ihre Unsympathie ist keine Charakterschwäche, sondern hier eine literarische Funktion.

Aroon ist weder Rebellin noch heimliche Heldin. Sie erkennt zwar die Gewaltverhältnisse, in denen sie lebt, doch sie legitimiert sie auch. Ihre Misogynie ist internalisiert, ihr Standesdünkel ein Surrogat für Selbstwert. Damit entzieht sie sich der bequemen Identifikation. Das macht sie anstrengend, unerquicklich, manchmal geradezu unerquicklich banal in ihrem Denken.

Der Roman verweigert den Lesern die tröstliche Illusion, weibliche Figuren seien per se moralisch überlegen oder wenigstens solidarisch. Aroon ist kein Opfer, das „eigentlich“ alles richtig macht und nur falsch behandelt wird. Sie ist Teil des Systems, das sie deformiert. Ihre Loyalität gilt der Ordnung, die sie ausschließt und nicht den Menschen, die ihr ähnlich sind.

Als unlikeable female character entlarvt Aroon damit auch eine Rezeptionshaltung: das Bedürfnis, Frauenfiguren zu mögen, ihnen zu verzeihen, sie zu retten. Hier gibt es nichts zu retten. Die Autorin zwingt uns, Aroon auszuhalten, nicht zu entschuldigen. Sympathie wird nicht angeboten. Zwar ist sie manchmal da aber dann verweigert sie sich wieder.

Dass Aroon am Ende dennoch eine Form von Vergeltung erfährt, macht sie nicht zur Heldin eines Befreiungsnarrativs. Es ist keine Emanzipation, sondern eine kalte Logik. Auge um Auge. Kein moralischer Fortschritt auch wenn sie den Spieß umdreht und eine gewisse Befriedigung hinterlässt.

Der Roman entzieht sich dadurch der rein feministischen Wohlfühllektüre ebenso wie der reinen Sozialkritik.

Aroon St. Charles ist damit eine Figur, die nicht gefallen will und nicht gefallen darf. Ihre Unsympathie ist kein Defizit, sondern ein präzise eingesetztes Mittel.

Sie zwingt die Lesenden, die Mechanismen von Klasse, Geschlecht und Selbsttäuschung zu betrachten und dies mit einer gewissen Heiterkeit und einem oft befriedigenden Sarkasmus.

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