„Die letzten Augenblicke unseres Lebens werden die ersten sein, in denen wir die Wahrheit erkennen.“ Seite 483
Dan Brown bleibt sich treu. The Secret of Secrets schickt Robert Langdon diesmal zwar nicht auf die gewohnte Schnitzeljagd quer durch den Kontinent, sondern verankert ihn an einem Ort, der selbst schon ein Rätsel ist: Prag. Und diese Entscheidung erweist sich als klug. Denn Prag, von Brown mit sichtbarer Lust ausgemalt, wird zum atmenden Organismus, zum mysteriösen Resonanzraum eines Romans, der sich zwischen Okkultismus, Neurowissenschaft und politischer Paranoia aufspannt.
Nebel steigt von der Moldau auf, kriecht über die Karlsbrücke und lässt Passanten zu Schemen werden. Alles ist geisterhaft, entrückt, fast schon jenseitig. In dieser Atmosphäre fällt es nicht schwer, an alte Legenden zu glauben.
Prag, als mythisches Zentrum des Okkulten beschrieben, bereitet den Boden für den Golem: jene aus Lehm geschaffene Gestalt, die hier nicht bloß Folklore ist, sondern als reale, bedrohliche Präsenz wiederkehrt.
Drei eingeritzte Buchstaben auf der Stirn – Aleph, Mem, Taw: Emet, ergeben die Wahrheit. Der Golem, so will es Brown, ist wiedergeboren im ewigen Kreislauf der Seelen, ein Beschützer, der getötet hat und erst Ruhe geben will, wenn alle Mitverschwörer beseitigt sind.
Natürlich steht Langdon nicht allein. Im luxuriösen Four Seasons, in der Royal Suite, beginnt der Roman mit einem amourösen Intermezzo zwischen dem Symbologen und der noetischen Wissenschaftlerin Dr. Katherine Solomon. Sie hat ein Buch geschrieben, dessen baldige Veröffentlichung sie und Langdon ins Visier mächtiger Kräfte rückt.
Die Noetik, jene Wissenschaft vom menschlichen Bewusstsein, bildet den intellektuellen Kern des Romans.
Eingeladen zu einem Vortrag von der Neurowissenschaftlerin Dr. Gessner, gerät Solomon ins Zentrum eines Konflikts, der rasch über akademische Debatten hinauswächst.
Denn wo Bewusstsein neu gedacht wird, geraten bestehende Machtstrukturen ins Wanken und damit kommen auch Institutionen wie die CIA ins Spiel.
Brown spannt sein gewohntes Netz aus bewusster Irreführung, Andeutungen und Cliffhangern. Dunkle Gemäuer, schaurige Legenden und fiese Machenschaften sorgen für die vertraute Mischung aus Hochspannung und Halbwissen, die seine Romane seit jeher prägt. Der Zeitfaktor erzeugt jenen Überdruck, der aus einem Thriller einen echten Pageturner macht, fast 800 Seiten lang.
Neu ist allerdings der starke Fokus auf Neurowissenschaft und Bewusstseinsforschung. Für unkundige Leser kann dieses Terrain zum Labyrinth werden.
Um Klarheit zu schaffen, muss Langdon, nicht zum ersten Mal, den Unwissenden geben und um Erleuchtung bitten. Didaktisch, manchmal etwas schwerfällig, aber stets bemüht, den Leser mitzunehmen. „Der menschliche Verstand hasst Veränderungen. Und er hasst es, bestehende Glaubenssätze aufzugeben“, heißt es programmatisch auf Seite 211. Dieser Satz könnte als Motto über dem gesamten Roman stehen.
Denn im Kern geht es um nichts Geringeres als die allumfassende Verbundenheit des Seins. Der Mensch, so Dr. Solomons Theorie, ist kein isoliertes Einzelwesen, sondern Teil eines Ganzen. Die Vorstellung, allein auf der Welt zu sein, werde sich künftig als größte kollektive Täuschung der Menschheit entpuppen. Brown verpackt diese These geschickt in einen Plot, der zwischen Wissenschaft und Mystik oszilliert und dies manchmal faszinierend, manchmal arg konstruiert.
Fazit:
Wer Dan Brown liebt, wird auch The Secret of Secrets verschlingen. Die bewährte Strickanleitung funktioniert weiterhin zuverlässig: der Held, die schöne Frau, die es zu beschützen gilt, der Ausgestoßene, die nahezu unüberwindbare Macht und ein wissenschaftlich grundierter Plot mit Blick in eine geheimnisvolle Zukunft. Unterhaltsam, spannend, stellenweise informativ.
Aber auch durchschaubar und mitunter überfrachtet von Nebenschauplätzen. Man ahnt früh, wohin die Reise geht. Und ebenso sicher scheint: Die Filmrechte dürften längst vergeben sein.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…