„Verstand und Gefühl“ von Jane Austen

„Er ist reich, sie ist schön. Das passt.“ S. 26 

Jane Austens Verstand und Gefühl gehört zu jenen Klassikern, die weniger gelesen als gekannt werden , man weiß um die Liebe, die Konventionen, die gesellschaftlichen Fallstricke. Der Knesebeck Verlag hat sich nun mit der Graphic Novel von Anna Opel und Stella Langecker an eine visuelle Neuerzählung gewagt, die vor allem eines ist: eine Einladung.

Gerade für Austen-Einsteiger entfaltet diese Ausgabe ihren Reiz. Die lebendigen, detailreichen Illustrationen ergänzen den Text nicht bloß, sie tragen ihn. Kleider, Salons, Landschaften und Blicke schaffen ein anschauliches Setting, das die Zeit der Regency-Epoche unmittelbar erfahrbar macht. Geschichte wird hier beinahe spielerisch vermittelt, ebenso wie die Rolle der Frau, deren gesellschaftliche Abhängigkeit erschreckend vertraut wirkt. „Er ist reich, sie ist schön. Das passt.“ S. 26 

Zumindest auf den ersten Blick.

Doch Austen wäre nicht Austen, ließe sie es dabei bewenden. Auch in dieser grafischen Umsetzung zeigt sich, dass die jungen Ladies durchaus ihren eigenen Kopf haben. Elinor folgt ihrer stillen, vernunftgeleiteten Liebe zu Edward, während Marianne sich mit ganzer Leidenschaft in Willoughby verliert. Dass Gefühle Konsequenzen haben, bleibt nicht aus. Der Liebeskummer folgt auf dem Fuß und findet in den Zeichnungen eine bemerkenswert facettenreiche Entsprechung: Freude und Hoffnung, bittere Verzweiflung, Enttäuschung und unerwiderte Liebe spiegeln sich in Gestik, Mimik und Körperhaltung.

Oft sprechen die Bilder eine eindeutige Sprache. Scharf geschnittene Gesichtszüge verraten Dünkel, Hochmut oder Boshaftigkeit; weiche Linien hingegen Freundlichkeit, Verliebtheit und einen beinahe rührenden Glauben an das Gute. Es wird geliebt und verlobt, enterbt und verstoßen, entschuldigt und gelästert. Ein gesellschaftliches Karussell, das sich unaufhörlich dreht. Romantik pur und eben ein wenig kitschig.

Und doch: Diese Graphic Novel will und kann den Roman nicht ersetzen. Sie ist vielmehr ein Amuse-Gueule, ein geschmackvoller Auftakt vor dem eigentlichen Hauptgang. Wer sich auf diese Bilder einlässt, bekommt hoffentlich Lust auf mehr. Auf Austen’s Sprache, ihre Ironie, ihre feinen Zwischentöne. In diesem Sinne erfüllt Verstand und Gefühl als Graphic Novel genau das, was eine gelungene Adaption leisten sollte: Sie öffnet die Tür an ihrem heutigen 250. Geburtstag.

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