Das Vexierbild der Seele.
Es gibt ein altes Kinderlied vom Mops, der in die Küche kam und dem Koch ein Ei stahl.
Wie in einer unendlichen Schleife knüpft die letzte wieder an die erste Strophe an, diesen Eindruck hatte auch Monika Helfer’s Novelle „Wer bist Du?”
Doch sie ähnelt nicht nur dem Endlosrein der Kindheit, sondern auch einem Vexierbild. Das zwei Geschichten in einem zeigt, zwei Wahrheiten, die sich überlagern, und kein ruhender Punkt, an dem das Auge verweilen darf.
Eine Frau erzählt die Geschichte einer Frau, die wiederum die Geschichte eines Mädchens erzählt. Schon diese verschachtelte Erzählanlage signalisiert: Verlässlichkeit ist hier nicht vorgesehen. Die Neunjährige, die unvermittelt vor der Tür einer frisch gewordenen Witwe erscheint, trägt den bürgerlichen Namen Michaela Beer, nennt sich Milli und eröffnet damit ein Spiel mit Identitäten, das die ganze Novelle durchzieht. Denn wer ist hier eigentlich wer?
Die Witwe selbst ist eine Figur zwischen den Zuständen: Sie liebte ihren Mann und trauert aufrichtig, doch der Tod hat ihr auch eine seltsame Euphorie beschert, das Versprechen eines Neubeginns. Vielleicht erklärt diese eigentümliche Schwellensituation, warum sie die dreiste Kleine einlässt. Dieses Mädchen, das Naivität und rohe Unverfrorenheit so verblüffend natürlich in sich vereint. Millis Lügengeschichte hat die befremdliche Qualität des Unwiderlegbaren: Sie klingt falsch und wahr zugleich.
Dann verschwindet das Mädchen. Eine Suche beginnt und endet vielleicht damit, dass eine Frau sich eine Puppe kauft. Oder damit, dass aus einem Menschen eine Puppe wird. Helfer lässt das in der Schwebe, mit der federnden Leichtigkeit einer Autorin, die ihrer Leserschaft das Unbehagen als Lesevergnügen verkauft.
Was bleibt, ist eine Grundfrage, die sich mit jeder Seite hartnäckiger aufdrängt: Ist diesen Figuren zu glauben? Lügen sie? Belügen sie sich selbst? Was ist Schein, was Wirklichkeit, und macht diese Unterscheidung in Helfers literarischer Welt überhaupt noch Sinn?
Einen verlässlichen Boden sucht man auch in den Illustrationen von Kat Menschik vergeblich und das ist als höchstes Lob gemeint. Menschiks Bilder flimmern, irisieren, verweigern den festen Blick. Sie machen die Verwirrung des Textes sichtbar, treiben sie mit frechem Schwung voran. Selbst die Seitenzahlen scheinen, wie an eine verrutschte Blaupause gesetzt, als hätte der Buchdruck selbst einen Moment gezögert.
Helfer beantwortet die titelgebende Frage nicht. Natürlich nicht. Denn „Wer bist Du?” ist keine Novelle, die Antworten sucht. Sie ist eine, die das Fragen selbst zur Kunstform erhebt. Launig, surreal, von bestechender Doppelbödigkeit: ein kleines Buch, das groß so schön, eben ein Lieblingsbuch.



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