„Weltzeituhr“ von Helga Kurzchalia

„Irgendwer saß immer auf gepackten Koffern und zählte die Stunden. S. 27

Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz zeigt die Stunde in Städten, die den meisten Ostdeutschen, die unter ihr standen, verschlossen blieben. Helga Kurzchalia leiht ihrem Roman diesen Titel und mit ihm einen Widerspruch, der das ganze Buch trägt: Die Uhr proklamiert eine Weltoffenheit, die es in Wahrheit nicht gab. Darunter ein privates Leben in Ostberlin, an das die große Welt nur als Nachricht, als Gerücht, als verbotene Lektüre heranreicht.

Dieses Ostberlin der siebziger und achtziger Jahre entfaltet Kurzchalia ungeschönt und genau, und sie beginnt eine Generation früher. Da ist die Gemengelage der Elterngeneration, Altnazis, Mitläufer und Kommunisten, letztere, die wie die Eltern der Autorin blindwütig dem Sozialismus frönen, obwohl die Idee von Karl Marx längst ausgehöhlt ist. 

Aus ihr geht die Generation der arbeitenden Mütter hervor, und deren Töchter werden selbst kaum über zwanzig Mütter, meist allein, selbstbewusst getrennt oder verlassen, mitten im Studium oder schon mit Kind. Um sie herum die ständige Mangelwirtschaft und eine Heimat, in der man sich gleichwohl verortet fühlt, deren gesellschaftliche Zwänge aber mehr und mehr Menschen nur noch vor die Wahl stellen, das Land zu verlassen oder sich den Verhältnissen zu fügen.

Dass das Weltgeschehen in dieses Leben nur gefiltert eindringt, hält ein Satz fest, der die ganze Tonlage grundiert: „Was in der Zeitung stand, glaubten wir nicht.” (S. 95) 

Zwischen dem offiziellen Bild der Welt und der Welt selbst klafft eine Lücke, und in sie hinein schreibt Kurzchalia ihre biografischen Episoden.

Am schmalsten ist dieser Raum dort, wo Menschen ihn am dringendsten brauchen, in der geistigen Arbeit. Gerade die intellektuelle Elite hat es schwer, denn für die persönliche wie die berufliche Verwirklichung bleibt zu wenig Platz. Kurzchalia führt das an ihrem eigenen Feld vor, der Kinderpsychologie. Wer verhaltensauffällige Kinder behandeln will, muss auf Vorkriegswissen zurückgreifen oder westliche Lektüre gegen den Widerstand der Offiziellen ins Land schmuggeln, und selbst dann fehlt oft der Ort, das Wissen umzusetzen. Auf welch brüchiger Grundlage hier gearbeitet wird, zeigt sich an den Verfahren selbst, an Elektroschocks und Tests, die teils aus dem Jahr 1938 stammen.

So tastend die Autorin und ihre Mitstreiterinnen vorgehen, so genau benennen sie, woran sie eigentlich rühren. Hinter der fachlichen Frage, wie einem Kind zu helfen sei, steht stets eine größere: „Für welches Leben sollten die Kinder zurechtgestutzt werden?” (S. 87) Die Psychologie wird zur Probe aufs Exempel des ganzen Systems, das Kinder weniger heilen als passend machen will.

Doch der Roman erschöpft sich nicht in der Schilderung von Verhältnissen. Unter jeder Episode, oft erst an ihrem Ende, liegt eine existenzielle Frage, meist die nach dem eigenen Wert, nach dem Wohin, nach dem Sinn. Was zählte als Erfolg und was schon als Verrat, machte die Verweigerung krank, half die Betäubung, welcher Kompromiss war noch erlaubt. Kurzchalia stellt diese Fragen nicht als Thesen, sie lässt sie aus den Geschichten aufsteigen, etwa wenn beiläufig anklingt, „wie viel Freiheit man eigentlich braucht” (S. 82).

An einer Stelle verdichtet sich diese Suchbewegung zum Selbstporträt. „Kein Leben aus zweiter Hand, sondern eine Gegenwelt aus Kunst und Eigensinn, in der ich mich willkommen fühlte” (S. 95). In einem Satz steht hier, wogegen sie sich wendet und wofür: gegen die Uniformität des Sozialismus, die Starre des Denkens, die Kulturlosigkeit, und für eine selbst errichtete Gegenwelt, in der Kunst und Eigensinn den Raum füllen, den der Staat verweigert.

Wie eng das Private dabei ins Politische verwoben ist, lässt sich an keiner einzelnen Szene festmachen, es durchzieht den ganzen Band. Das Politische greift tagtäglich in das Private ein, ob bewusst wahrgenommen oder nicht, und Kurzchalia macht gerade dieses Unterschwellige sichtbar. „Wir lebten in einem Staat, in dem ständig etwas vertuscht oder schön gefärbt wurde” (S. 74). Der Satz benennt eine Atmosphäre, die nicht in Verboten aufgeht, sondern im alltäglichen Tonfall liegt, im Verschweigen, im Beschönigen, in einer Sprache, die das eigene Denken längst mitprägt, ehe man es merkt.

Am Ende steht keine Ankunft, sondern eine Frage. Kurzchalia die sich nach einem beruflichen Wechsel fragt, ob es sich hier tatsächlich um einen Neuanfang handelt. Ob dieser in diesem Land tatsächlich noch möglich ist, lässt sie offen. 

Zu viele sind schon in den Westen gegangen, und so steht der Verdacht im Raum, dass auch der Wechsel nur ein Verharren in derselben Enge sein könnte. Das Bewusstsein, dass es sich um Enge handelt, kommt spät, oft erst, wenn das Land der Jugend bereits ein verlorenes ist.

Damit kehrt das Buch dorthin zurück, wo es begann, unter die Weltzeituhr, die die Stunde ferner Städte anzeigt und doch keinen Weg zu ihnen weist. Kurzchalia hat dieser Uhr ein Leben gegenübergestellt, das unter ihr verlief, gefiltert, beobachtet, in Episoden festgehalten, und gerade in seiner Beschränkung von einer Genauigkeit, die weit über das eigene Schicksal hinausweist. 

Wer wissen will, wie sich die DDR von innen anfühlte, in der Denkweise, in den Wortschöpfungen, in der Atmosphäre des Verschweigens, findet hier einen seltenen, klarsichtigen Zugang.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Friedenauer Presse zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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