„Tschikago“ von Alexandra Stahl

„Doch ned widder der Scheiß.” (S. 18)

Schon in diesem einen Satz, breit unterfränkisch grundiert, steckt das ganze Großelternpaar: der tägliche Krach, der nie zum Bruch taugt, sondern sich, Abend für Abend, in eine Formel für gemeinsames Altern verwandelt. 

Hier die Großmutter, die jede Katze des Dorfes füttert. Dort der Großvater, der Schrott sammelt, um daraus erneut Unbrauchbares zu machen. Zwei entgegengesetzte Formen des Sammelns, des Sorgens, die sich im Alltag wie Kontrahenten gegenüberstehen und sich doch, allabendlich, wieder auflösen. Ein Leben lang, gerechnet in genau solchen Sätzen.

Dass Alexandra Stahl schreibt im ersten Teil ihres Romans „Tschikago“ vom Erinnern, von gelebten Leben und vom Abschied.

Die Autorin Alexandra Stahl erzählt nicht nur von ihren Großeltern in einem fränkischen Dorf sondern auch von ihrer regelmäßigen Gruppenarbeit in einem Berliner Seniorenheim.

Stahl hat lange als Redakteurin bei der Deutschen Presse-Agentur gearbeitet. Diese Tätigkeit verrät sich in der Genauigkeit, mit der sie im ersten Teil, „Frankfurt ist schlimmer als Chicago”, den Dialekt ihrer Großeltern protokolliert, nicht folkloristisch verklärt, sondern wörtlich mitgeschrieben. 

Doch die reportagegeschulte Ordnung, die eigentlich Chronologie und klare Linie verlangt, verweigert Stahl gerade dort, wo es am persönlichsten wird: Der erste Teil zerfällt in Fragmente, Gedankensplitter, Erinnerungen, die durch den Kopf schießen und sich nicht ordnen lassen wollen. 

Es liest sich, als würde jemand einen Stein in einen Teich werfen und den konzentrischen Kreisen eine Weile zusehen, bevor die Erzählung, mit einem Ruck wie ein zugezogener Beutel, wieder zum Ausgangspunkt zurückfindet. 

An einer Stelle lässt Stahl ein Zitat Erich Kästners einfließen, um das eigene Gefühl in geborgten Worten zu transportieren, als reichte die eigene Sprache für den Verlust allein nicht aus.

Ein Verlust, der die ganze vorausgegangene Leichtigkeit kassiert: „Dass um zwei Uhr morgens das Telefon klingelt und man weiß: Ein Mensch ist gestorben.” (S. 64) 

Im zweiten Teil, „Waren sie schon mal im Internet?”, verlässt Stahl den familiären Rahmen und wechselt in eine Gruppe, die sie fast ein Jahrzehnt lang ehrenamtlich begleitet hat: eine wöchentliche Gesprächsrunde in einem Berliner Altenheim, in der frühe demenzielle Veränderungen längst zum Alltag gehören. Was als Erinnerungsarbeit gedacht ist, gerinnt zu etwas anderem, sobald die Bewohner:innen selbst das Wort führen.

Herr Winkler etwa, den die Pfleger:innen „Rote Socke” nennen, entspricht dieser Etikettierung: „Ach, wenn man hätte reisen dürfen, hätte die Mauer doch keinen gestört!” S.113. Für ihn war sie in Ordnung die DDDR, wogegen ein anderer Mitbewohner den Pflegern ungewollt beipflichtet: „Sehen Sie! So einer ist das.“ S. 113.

Stahl kommentiert das nicht, sie stellt die beiden Ansichten nur nebeneinander und lässt den Sonderzug nach Pankow in voller Länge vorüberrattern.

Diese Direktheit ist Programm des ganzen Teils. „Ja, die Hälfte hier hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.” (S. 120) Kein Selbstmitleid, keine Beschönigung, nur eine Feststellung, über die man lachen darf, weil sie selbst schon lacht.

Die Sprüche, die die Alten austauschen, etwa dass alte Liebe nicht rostet, stehen vielleicht irgendwann mal im Kontrast zu dem, was die nächsten Generationen an ihrer Stelle einmal zitieren werden: „Chabos wissen, wer der Babo ist.” 

Jede Generation ihre eigene Formel für Zugehörigkeit und Macht und hält diese für ebenso zeitlos wie die vorherige.

Die Marotten der Bewohner:innen, ihr gegenseitiges Aufziehen, Aufmuntern, In-Schach-Halten, wechseln je nach Tagesform, doch die Geschichten selbst haben Lücken. Es sind die Lücken, die die Demenz in die Erinnerungen gerissen hat, und Stahl verschweigt nicht, dass sie diese Lücken bedauert. Was hier verloren geht, ist unwiederbringlich, und die Erzählerin erkennt darin auch ihre eigene Situation: Noch hat sie eine Großmutter, der sie die Fragen stellen kann, die den Bewohner:innen des Heims niemand mehr stellen kann.

Der dritte Teil kehrt zur Großmutter zurück, jetzt verwitwet, jetzt allein mit Erinnerungen, die im ersten Teil noch zu zweit verhandelt wurden. Aus der Sammlung wird damit auch eine Befragung ihrer selbst: ob das, was hier zusammengetragen wurde, „wahr genug” ist, um es festzuhalten, oder ob genau diese Frage am Ende gar nicht zu beantworten ist. 

Stahl setzt den Bewohner:innen des Heims, den vielen Kaisers, Koplischkes, Vellas und Adlers, eine Art Denkmal. Betrachtet sie mit dem warmherzigem Blick einer Autorin, auf die liebevoll, verstehend auf diese Menschen blickte.

Was bei aller inhaltlicher Wärme zu kurz kommt, ist die sprachliche Finesse. Wo Stahl Dialekt, geborgte Zitate und die O-Töne ihrer Figuren sprechen lässt, trägt der Text mühelos. Sobald sie diese Stimmen verlässt und selbst zusammenfasst, verliert sich mitunter die Schärfe, die die Anekdoten selbst auszeichnet, ein Gefälle zwischen dem, was zitiert, und dem, was erzählt wird.

Diese Ungleichzeitigkeit hat Methode, oder genauer: einen blinden Fleck der Methode. Stahls Verfahren gehört in die Tradition des montierten, dokumentarischen Erzählens, wie es etwa Katja Oskamp in ihrer Marzahner Prosa vorführt: nicht die Erzählerin urteilt oder verdichtet, sondern das protokollierte Wort trägt die Beweislast. Genau deshalb rächt sich jeder Moment, in dem Stahl aus dieser Rolle heraustritt und selbst resümiert. Die Souveränität, mit der sie zuhört, geht der Souveränität, mit der sie zusammenfasst, nicht im gleichen Maß voraus. Das Register wechselt von der genauen, fast phonographischen Wiedergabe zur konventionelleren Erzählerstimme, und in diesem Wechsel verliert der Text an Tonlage, was er an Nähe gewinnt.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Claassen zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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