„Tagebuch aus Gaza“ von Karin Glatz Brubakk

„Wie auf einem Fließband werden die Zukunftsträume von Kindern zerstört.“ S.201

„Ich habe den Klang des Krieges gehört.“

Nicht in Form von Bombenexplosionen, sondern als alarmierende, raue Angst, Schreie traumatisierter Kinder.“ S. 9 

Mit diesen Sätzen eröffnet Katrin Glatz Brubakk ihr Buch, und setzt den Ton für einen erschütternden Bericht.

Die norwegisch-deutsche Kinderpsychologin und Psychotraumatologin reist im Herbst 2024 und Winter 2025 mit Ärzte ohne Grenzen in das Nasser-Krankenhaus in Khan Younis im Süden des Gazastreifens. Ihre Mission: psychologische Ersthilfe in einer Umgebung, in der selbst das Überleben täglich infrage steht. Was als persönliches Tagebuch gedacht war, wird zum dokumentarischen Zeugnis, mit dem sie entscheidet, dass Schweigen keine Option ist.

Schon der Beginn ihrer Reise ist eine Zumutung. Sie muss einen Abschiedsbrief an die eigenen Kinder verfassen. Wer in ein Kriegsgebiet fliegt, denkt den eigenen Tod mit. Während andere zur Arbeit fahren, verabschiedet sie sich womöglich für immer.

Im Krankenhaus leitet sie ein psychosoziales Team aus Einheimischen, arbeitet auf den Stationen für Orthopädie und Brandverletzungen. Ihre Tagebucheinträge folgen keiner literarischen Dramaturgie, sie folgen dem Rhythmus der Tage und der Logik des Ausnahmezustands.

Explosionen in der Nacht, Evakuierungsbefehle, Sicherheitsbriefings, Ausgangssperren. Kaum aushaltbare Hitze, das konstante Summen von Drohnen. Kein durchgehender Schlaf. Keine Stabilität.

Und doch muss sie diese Stabilität in sich finden, für Kinder, die Unfassbares erlebt haben.

Die drastischsten Passagen sind kaum auszuhalten. Nach einem Bombenangriff auf eine Schule werden verstreute Körperteile eingesammelt, gewogen und rechnerisch zugeordnet: 70 Kilogramm für einen Erwachsenen, 35 für ein Kind. Eine makabre Bürokratie des Todes und Alltag in Gaza.

Sie begegnet einem Jungen, die seinen Vater sterben sahen. Mädchen ohne Beine. Mona, schwerst verbrannt, die nur noch per Spritze ernährt werden kann. Ein Junge, der zur Waise wurde und es noch nicht weiß.

Die Altersgruppe mit der höchsten Sterberate: Fünfjährige.

Was diese Kinder eint, ist Verlust in Serie: mehrfach vertrieben, Haus und Habe zerstört, Leben in Zelten ohne Wasser und Strom. Viele Eltern äußern einen einzigen Wunsch – gemeinsam mit ihren Kindern zu sterben.

Brubakk beschreibt nicht nur das Leid, sondern auch die strukturelle Ohnmacht der Helfenden

Über 1.400 humanitäre Helferinnen und Helfer sind bis zur Drucklegung des Buches ums Leben gekommen. Helfen bedeutet hier auch: selbst zur Zielscheibe werden.

Zwischen all dem findet sie Halt in kleinen Ritualen – sie dreht an ihrem Ehering, um die Verbindung zu ihrem Mann zu spüren.

Und dennoch: Hoffnung existiert. In minimalen, fast absurden Momenten. Seifenblasen auf einer überfüllten Station bringen ein kurzes Kinderlachen.

„Solange Kinder lachen können, gibt es Hoffnung.“

Der Epilog des Buches, stellt dieses Zitat aber wieder infrage. Die Lage verschärft sich 2025 weiter. Ein dreimonatiger Stopp der Lebensmittellieferungen führt zu dramatischen Engpässen. Am 25. August 2025 wird das Nasser-Krankenhaus angegriffen. Es ist das letzte funktionierende Krankenhaus im Süden Gazas. 70 Prozent der Operationssäle sind danach nicht mehr nutzbar. Selbst die letzte medizinische Bastion zerbricht.

Brubakks Tagebuch ist keine politische Analyse und keine militärische Chronik. Es ist ein persönliches Protokoll über Verlust, Traumatisierung und moralischer Erschöpfung und zugleich ein beharrliches Plädoyer für Menschlichkeit.

Dieses Buch zwingt zur Konfrontation. Es bringt und den Krieg näher und endet mit einem klaren Appell: nicht wegzusehen.

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