„Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

„Dynamische Systeme sind Systeme, die sich unter äußeren Einwirkungen zeitlich verändern.“ (S. 47)

Dieser Satz, der wie ein Zitat aus einem Fachbuch klingt, ist tatsächlich als „Bauplan“ zu verstehen, nach dem Peggy Mädlers Roman konstruiert ist. Was hier als kybernetische Definition eingeführt wird, ist zugleich das Modell, mit dem Georg, Roland und Marlies sich selbst, ihre Liebschaften und ihren jungen Staat zu verstehen versuchen.

Georg, Roland und Marlies, drei junge Wissenschaftler, sie haben „so viel Zukunft im Kopf“ (S. 48) und träumen von der Errichtung eines neuen Wirtschaftssystems, einem kybernetischen Zusammenspiel zwischen Plan und Markt, einem dynamischen System, das wie ein lebendiger Organismus gedacht werden soll. Georg denkt das Land als Ökosystem, das Vielfalt und Variabilität braucht, so wie ein Lebensraum sie braucht. Die theoretische Idee, wie sie bei Marx und Engels vorlag, wird hier nicht als Utopie verhandelt, sondern als etwas, das sich zum ersten Mal in Reglern, Kennziffern und Planspielen konstruieren lässt.

Roland formuliert früh die Überzeugung, dass „ohne Wirtschaftserfolge … kein neuer Start zu machen“ sei (S. 30); er wägt alle Spielzüge der Marktteilnehmer ab.

Wie hoch der Preis für diesen Aufbruch ausfällt, zeigt sich am deutlichsten an Marlies. Sie lässt die zweijährige Tochter zurück, ordnet ihre Mutterschaft dem gemeinsamen Projekt unter. Zwar findet sie in Roland einen Partner, doch hält sie ihn auf Distanz: „Roland genieße seine Unabhängigkeit, sie dagegen brauche sie“ (S. 41). Unabhängigkeit ist der Preis, den sie für ihre eigene Position im Aufbruch zahlt, während er sie längst besitzt.

Mona und Konrad werden dem Trio als Vertreter der Kunst zur Seite gestellt. Sie erfahren den Konstruktionszwang des neuen Staates unmittelbarer als jede Kennziffer. Sie müssen sich erst einmal äußerlich anpassen, um dem Idealbild des sozialistischen Menschen zu entsprechen.

Ästhetische Urteile gehen, wie es im Roman heißt, mit politischen Debatten einher. Ein Haus kann man nur erwerben, wenn man ins Schema passt, einen Studienplatz nur bekommen, wenn man frei ist von westlicher Verwandtschaft. Sonst droht Sippenhaft und damit eine Ablehnung an der Kunsthochschule. Mona wird nicht Künstlerin, sondern Gebrauchsgrafikerin, lernt, „aus dem Nichts Fülle zu gestalten“ (S. 87), ein Satz, der ebenso als Beschreibung der Mangelwirtschaft wie als Selbstporträt einer Generation gelesen werden kann, die improvisiert, wo ihr die Mittel verweigert werden.

Dass Mädler, selbst 1976 geboren, diese Aufbruchsjahre nicht miterlebt, sondern rekonstruiert hat, merkt man dem Roman an keiner Stelle an. Diese Nähe verdankt sie sorgfältiger Recherche und dem Gespräch mit Zeitzeugen, deren Stimmungslagen jener Jahre sie brillant eingefangen hat.

Diese Sorgfalt zeigt sich nicht zuletzt darin, wie unterschiedlich sie das gemeinsame Systemdenken auf die drei Freunde verteilt. Marlies’ Augenmerk gilt der Gesamtsteuerung, dem Gehirn, wenn man so will, Georg dem Nervensystem, also Rechenmaschinen, und Roland dem Geflecht eigenständiger Einheiten, den Betrieben.

Drei Zugänge zu ein und demselben Systemdenken, das sich unterschiedlich auswirkt, sobald sich die Grenzen des realen Systems verengen. Der Prager Frühling 1968 und der VIII. Parteitag der SED 1971 markierten das Ende freiheitlichen Denkens und selbstregulierender Wirtschaftseinheiten.

Die kybernetische Sprache verschiebt sich von der Wirtschaft auf den Körper. Krankheit wird zur Störung eines Systems, der Tod zu dessen endgültigem Versagen. Dem Niedergang folgt die Desillusionierung. Ab 1987 verdichten sich die Abschiedsfeste und Ausreiseanträge, Häuser und Gärten leeren sich.

Die Beobachtung durch den Staatssicherheitsdienst nimmt zu, kreativer Freiraum wird überall eingegrenzt, doch die Menschen schaffen sich trotzdem kleine Freiräume im Schatten der Zensur und im Rahmen von Freunden und der Familie. Andere haben sich angepasst und sind mitgelaufen. Wieder andere zogen sich ins Private zurück, um die großen Entwürfe der anderen gar nicht erst teilen zu wollen.

Der Sommer 1989 markiert für das Dorf, was für die DDR erst im Herbst sichtbar wird: das Ende eines Zustands, dessen Kollaps sich lange angekündigt, aber nie datieren ließ.

Was sich in jenen November-Stunden des Mauerfalls vollzieht, bindet Mädler an eine Erfahrung im Krankenhausalltag: Die Grenzöffnung erscheint neben der Rettung eines sterbenden Kindes gleichermaßen als ein „Wunder“ (S. 208), ein Satz, der Ende und Anfang in ein und demselben Atemzug festhält. Auf das große historische Panorama verzichtet der Text zugunsten des Körperlichen, eine Beschreibung, die den existenziellen Puls dieser Nacht emotional spürbar macht.

Was danach folgt, erzählt der Roman anhand von Einzelschicksalen des Dorfes und der Menschen darin. Rückübertragungsansprüche, Treuhand-Rückkäufe enteigneten Landes, das Nebeneinander von Glücksrittern, Investoren und redlich integrationswilligen Zugezogenen. Große Pläne verpuffen, Geschäfte schließen, Arbeitslosigkeit zieht ein, dort, wo einst die Zukunft geplant werden sollte.

Menschen, die die Wende trotz aller Vorahnung als Schock erleben und sich nicht mehr zurechtfinden im neuen System, die zu trinken beginnen, Selbstmord begehen oder sich der Selbstbefragung unterziehen: Wie konnte man zum Mitläufer werden und nicht erkennen, dass man die Freiheit eingetauscht hatte. „Plötzlich kamen sie aus dem falschen System, von der Diktatur in die Freiheit“ (S. 245).

Grundiert ist der Roman weniger von einer einzelnen großen These als von der Konsequenz, mit der die kybernetische Sprache über Generationen und Figuren hinweg durchgehalten wird, von der Wirtschaft über die Kunst bis zum kranken Körper. Großartig geschrieben und empfehlenswert für die Generation, die dieses Land, diesen Teil der deutschen Geschichte nicht erlebt hat.

Am eindringlichsten gelingt der Roman dort, wo Mädler das Private und das Systemische ineinanderschiebt, etwa wenn eine Figur das Unsanierte malt, bevor es verschwindet, ein Bild, das sich auch auf den Roman selbst lesen lässt, der ja ebenfalls eine vergehende Zeit festhält, kurz bevor sie überformt wird. Und Ausgangspunkt dafür ist, was wir derzeit in Sachsen-Anhalt an Rechtsruck erleben.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Galiani Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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