„Real Americans“ von Rachel Khong

„Anfangsfehler führen in der Summe zum Versagen“. S. 272

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat mit der Entscheidung, Real Americans im Rahmen der Kampagne #deutschlandliesteinbuch ins Zentrum einer kollektiven Lektüre zu stellen, ein feines Gespür für Gegenwartsliteratur bewiesen. 

Denn Rachel Khongs monumentaler Roman ist klug kalkulierte Breitenwirksamkeit im besten Sinne: ein Buch, das sich leicht lesen lässt und viele Geschmäcker bedient.

Khong erzählt in klarer, zugänglicher Sprache von jenen tektonischen Momenten, die das amerikanische Selbstverständnis erschüttert haben: vom Millenniumsfieber an der Schwelle zum Jahr 2000, von den Anschlägen des 11. September und der darauffolgenden Paralyse eines ganzen Landes, von einer Pandemie, die das Versprechen permanenter Mobilität aussetzt. 

Diese historischen Markierungen wirken in die Biografien der Protagonisten hinein, beschleunigen oder lähmen sie. So wird Roman zu einer zeitgeschichtlichen Chronik.

In drei Teilen entfaltet sich ein Panorama, das weit über die Grenzen einer klassischen Familiengeschichte hinausweist. 

Es reicht zurück in die chinesische Geschichte eines kalten, ideologisch erstarrten Mao-Regimes, erzählt von Emigration, von Rassismus und vom Preis sozialer Mobilität. 

Zugleich entfaltet der Roman in Teilen die Dynamik eines Coming-of-Age, indem er Identität nicht als stabile Größe, sondern als fragiles, jederzeit erschütterbares Konstrukt begreift. 

Darüber hinaus betritt er stellenweise das Spannungsfeld des Thrillers: Missbräuchliche Genforschung, der korrumpierende Sog immensen Reichtums und Neid als destruktive Triebkraft laden die Handlung mit latenter Bedrohung auf. 

Ein feiner Anflug des Surrealen verstärkt diese Atmosphäre zusätzlich und legt unter die realistische Erzähloberfläche eine kaum merkliche, aber beständige Unruhe.

Diese Themenvielfalt wirkt nicht additiv, sondern orchestriert. Khong komponiert ihre Motive wie Variationen über ein zentrales Thema: Was bedeutet es, ein „real American“ zu sein?

Im Zentrum stehen Lily, Nick und May – Figuren, die Khong in atmosphärisch dichten Bildern zeichnet. Zwei Frauen, Lily und May, ringen um Selbstbestimmung und Autonomie. Beide tragen die Narben ihrer Erziehung, beide kämpfen mit internalisierten Erwartungen und gesellschaftlichen Vorurteilen, und doch entwickeln sie eine bemerkenswerte Widerständigkeit. May verfolgt ihr Ziel mit analytischer Kälte und strategischer Klarheit; Lily hingegen tastet sich suchend voran, findet aber schließlich zu einer eigenen Form von Selbstermächtigung.

Nick dagegen bleibt der Oszillierende. Äußerlich der Inbegriff eines amerikanischen Superhero, groß, blond, mit strahlend blauen Augen, trägt er innerlich eine chinesische Seele und ein Geheimnis, das ihn von allen anderen trennt. 

Er mäandert zwischen Welten, zwischen den Frauen, zwischen Herkunft und Erwartung. Während May und Lily ihre Achsen finden, bleibt Nick ein Suchender, gefangen in der Diskrepanz zwischen Erscheinung und Essenz. Gerade in ihm verdichtet sich Khongs zentrales Motiv: Identität als Projektion und als Last.

Real Americans ist damit ein historisches Panorama der Einwanderergesellschaft USA, gespiegelt an einer chinesisch-amerikanischen Familie. Generationen erscheinen als Reflexionsflächen politischer und sozialer Umbrüche; Schicksale wiederholen sich in Variationen, als ließe sich Geschichte nicht abschütteln, sondern nur transformieren.

Khong gelingt das Kunststück, ein Werk zu schreiben, das zugleich unterhält und erhellt. Es ist ein erzählerisch souveränes, breit anschlussfähiges Zeitporträt, das persönliche Schicksale eng mit historischen Verschiebungen verzahnt. Es zeigt, wie das Private immer schon politisch ist und wie große Narrative im Intimraum der Familie ihre eigentliche Wucht entfalten.

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