„Die neuen Westchefs ließen zuerst die Werktätigen DDR Frauen über die Klinge springen.“ Seite 62
Was ist eine Frau in Deutschland? Die Antwort hängt davon ab, auf welcher Seite der Mauer man aufgewachsen ist, und sie ist komplizierter, als die mehr als drei Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung vermuten lassen.
Das ist die Ausgangsthese dieses vielstimmigen Sammelbandes, den Franziska Hauser und Maren Wurster bei der Frankfurter Verlagsanstalt herausgegeben haben, und der Schriftstellerinnen aus Ost und West zusammenbringt, um gemeinsam über Sozialisation, Feminismus, Arbeit und Selbstbild nachzudenken.
Der Band beginnt mit einem Dialog zwischen zwei Frauen, die in verschiedenen Systemen aufgewachsen sind, und zeigt sogleich, worin das eigentliche Projekt dieses Buches besteht: nicht Versöhnung um jeden Preis, sondern ehrliche Reibung. Wie unterschiedlich die Prägungen sind, wird schnell deutlich. Und doch gibt es Momente, in denen die beiden einander gedanklich näherkommen, als es die Klischees erlauben würden.
Mechthild Lanfermann eröffnet ihren Beitrag mit einer einfachen, aber wirkungsvollen These: „Unser Leben baut auf Geschichten auf, die wir uns selbst erzählen. Der Erzähler erkennt sich im Spiegel des Gegenübers, in dessen Reaktion. Geschichten geben uns das Gefühl, Handlungsfähigkeit zu besitzen, Kausalitäten zu begreifen. Doch das Leben wird eben auch von Zufällen bestimmt, von irrationalen Entscheidungen und der Willkür anderer. Und Geschichten lügen, beschönigen, lassen aus. Das macht sie nicht wertlos, aber es macht sie gefährlich, wenn man aufhört, sie zu hinterfragen.“
Besonders stark ist Sabine Rennefanz mit ihrem Text „Akte der Rebellion”. Sie fragt: „Bin ich ostdeutsch? Bin ich westdeutsch? Dazwischen? Ein Hippogreif, wie aus den Harry-Potter-Büchern? Zur Hälfte Greifvogel, zur Hälfte Pferd?” Diese Frage trifft ins Zentrum des Bandes. Rennefanz beschreibt das Unbehagen einer Frau, die weder ganz hierhin noch ganz dorthin gehört, und die feststellt, dass die Begegnung zwischen Ost- und Westfrauen, die nach dem Mauerfall hätte solidarisch sein können, an gegenseitigen Vorurteilen scheiterte.
Die Westgruppe hielt die Ostfrauen für naiv, die Ostfrauen die Westfrauen für arrogante Emanzen. Aus dem erhofften Schwesternschaftsmoment wurde nichts.
Daniela Dahn analysiert in ihrem Beitrag zur Aufwärtsmobilität, wie die DDR-Frauenliteratur im Westen wahrgenommen wurde: als Literatur von Frauen, denen das Erreichte nicht mehr reichte, die weibliche Diskriminierung offen benannten und ein neues Selbstbewusstsein formulierten.
Sinnlichkeit statt Metoo-Debatten. Sexualität als schöpferische Potenz. Ein entwickelteres Selbstwertgefühl, so die These, das aus der Selbstverständlichkeit der Erwerbstätigkeit erwuchs. Der prägnante Satz aus diesem Teil des Bandes lautet: „Ostfrauen sind berufstätig. Westfrauen sind erwerbstätig.” Ein kleiner Unterschied in der Sprache, ein großer in der Haltung.
Dahn erinnert auch daran, was im Zuge der Wiedervereinigung verloren ging: Das Familiengesetzbuch der DDR von 1965, das Frauen Autonomie über ihre Berufstätigkeit garantierte; das Scheidungsrecht, das das Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip ersetzte; die Gleichstellung unehelicher Kinder. Errungenschaften, die in der BRD noch Jahrzehnte länger auf sich warten ließen.
Und natürlich der Paragraph 218, an dem die Einheit beinahe gescheitert wäre. Dass eine strafbefreiende Beratungsregelung durchgesetzt wurde, verdankten wir, so Dahn, maßgeblich den ostdeutschen Verhandlungsführerinnen.
Florian Werner bringt als fast einzige männliche Stimme des Bandes nimmt eine andere Perspektive ein, und er tut es mit Witz und Selbstironie. Sein Schreiben lernte er, so erzählt er, durch drei Ostfrauen: Ute, die 1989 gegen ihren Willen in den Westen übersiedelt wurde, schwarz gekleidet Whisky trank und ihm zum achtzehnten Geburtstag Bukowski und Camille schenkte.
Karla, die Leiterin der Dresdner Neuesten Nachrichten, die ihn als Praktikanten ins kalte Wasser warf und eine unerbittliche Lektorin war. Und Katja aus Ostberlin, deren Lehrsatz für das Schreiben lautete: so wenig wie möglich, so viel wie nötig.
Kenah Cusanit nähert sich dem Thema über einen überraschenden Umweg: die Neurobiologie. Frühkindliche Fremdbetreuung, wie sie in der DDR durch Krippen und Kindergärten flächendeckend praktiziert wurde, hinterlässt Spuren in der Stressregulation. Sie zieht das Computerspiel Fortnite als Erklärungsmodell heran: ein Modus namens Battle Royale, bei dem man sich auf einer immer kleiner werdenden Fläche gegen alle anderen behaupten muss. Kommunikation ist zwecklos, Überleben ist alles.
Ein harter Vergleich, der nachdenklich macht, ohne endgültige Antworten zu geben.
Maren Wurster, eine der Herausgeberinnen, schreibt über Care-Arbeit als unsichtbare Basis der Wirtschaft, übernommen vornehmlich von Frauen, unsichtbar gemacht und direkt in die Altersarmut führend. Ihr Text ist das Gegenargument zur staatlich organisierten Betreuung: nicht ideologisch, sondern persönlich und genau.
Asal Dardan schließlich öffnet den Band in eine weitere Dimension: die kulturelle Prägung jenseits der deutsch-deutschen Trennlinie. „Eine Flucht ist zeitlich begrenzt, ihre Wirkung ist es nicht”, schreibt sie. Ein Satz, der auch für die innerdeutsche Erfahrung gilt.
Was dieser Band leistet, ist keine Versöhnung und kein abschließendes Urteil. Er ist ein Gespräch, das längst hätte begonnen werden sollen. Die Stärke liegt in seiner Vielstimmigkeit: im Nebeneinander von Erinnerung und Analyse, von persönlichem Erleben und historischem Befund.
Manchmal schleichen sich Klischees ein, auch das wird nicht verschwiegen. Doch gerade darin liegt eine Ehrlichkeit, die dem Thema angemessen ist. Ost*West*frau* ein notwendiges, längst überfälliges Buch.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…