„Memoires of Heidelberg“ von Heinz Strunk

„Siebzehn Jahre Ehe haben ihre Konversation auf ein Minimum eingedampft.” (S. 18)

Bertram und Isolde haben das Reden längst durch Routine ersetzt. Ihre Ehe haben sie einen schleichenden Verstummen ausgesetzt, die nur an der Oberfläche weiterfunktioniert. 

Manche Ehen sterben nicht, sie verwesen bei laufendem Betrieb, und niemand schließt den Laden. 

Der Anlass ihrer Reise nach Heidelberg ist Erikas achtzigster Geburtstag. Erika ist Isoldes Mutter und bei den vergangenen Besuchsfahrten stieg man immer im gleichen Hotel ab. 

Doch diesmal soll es ein teureres Boutiquehotel am Neckarufer sein, nicht weil es besser sein müsste, sondern weil es besser sein könnte. In diesem Konjunktiv, der keine Erfahrung kennt, sondern nur das Prinzip der Steigerung, da liegt die ganze VIP-Sehnsucht eines Durchschnittspaares.

Was sich zwischen Bertram und Isolde abspielt, ist kein Streit, sondern ein kalter Krieg aus tausend kleinen Nadelstichen. Die Statik der Ehe hat sich verschoben: Isolde führt, entscheidet, klagt an. Bertram nickt. 

Diese Schieflage entlädt sich in beiläufiger Bosheit, nie im großen Knall. Wenn Isolde ihm zuraunt, er solle doch nicht immer so dastehen, „als ob du dir gerade in die Hose gemacht hättest” (S. 36), dann ist das keine Explosion, sondern die tägliche Kleinmünze, in der die beiden ihre Verachtung füreinander auszahlen. Nicht der offene Streit zersetzt diese Ehe, sondern die Beiläufigkeit, mit der man einander verletzt.

Sein Widerstand hat sich in den Körper verlagert, er frisst heimlich, verbirgt seine Vorräte vor ihr, isst, was er ihr nicht sagen kann. 

Wo einmal Verlangen war, sitzt jetzt eine Distanz, die der Roman registriert, kühl wie einen Kontostand. Wie Betram, der sich mit der Unwillikkeitserklärung seiner Frau zum Sex klaglos geschlagen gibt.

Seitdem geht Bertram auf wie eine Teigtasche, unter deren Fett sich jede Niederlage, jeder Frust verbirgt, ohne dass er je widerspricht, aus Angst vor dem nächsten Wutanfall seiner Frau. Wirft Isolde ihm einmal ein warmes Wort zu, steigen Tränen als Zeugnis liebloser Unterversorgung in seine Augen.

In diese erstarrte Statik hinein platziert der Roman sein zweites Zentrum, ein Restaurant auf einem alten Flussschiff im Neckar, italienisch, voller Flair, der neue entdeckte Food-Spot der beiden.

Der Empfang ist zunächst warm, ein Platz am Heck, reserviert für besondere Gäste, VIP-Dünkel inklusive. Doch was als Auszeichnung beginnt, kippt in seine Umkehrung, und doch gehen Bertram und Isolde jeden Abend wieder hin. 

Nicht aus Genuss, sondern aus einer Trägheit, die der ihrer Ehe zum Verwechseln ähnlich sieht: keine Kraft, keine Lust, es anderswo zu versuchen, dieselbe Erschöpfung, die sie auch aneinander festhalten lässt. Das Schiff ist damit die Wiederholung ihrer Beziehung im Zeitraffer, dieselbe Bereitschaft, sich belügen zu lassen und selbst mitzulügen, nur komprimiert beschleunigt bis zum Showdown.

Bertrams Hunger kennt keine Pause, er ist kein Bedürfnis mehr, sondern Dauerzustand, beinah der einzige Inhalt, der ihm von seinem Leben noch geblieben ist. Er isst nicht, er frisst sich in Rage, schaufelt, drückt, presst, ein Vorgang, der jede Lust verweigert und nur ein Ziel zu haben scheint.

Der Verweis auf Marco Ferreris „Das große Fressen” liegt nahe, trägt aber nur bis zu einem gewissen Punkt. 

Wo der Film seinen Protagonisten die skandalöse, erotisch aufgeladene Lust am eigenen Untergang lässt, genau jene Komponente, an der sich seine Kritik am Überkonsum erst entzündet, fehlt sie bei Strunk fast vollständig. 

Bertrams heimliche Mandelintermezzi und die einsame Erektion auf dem Badvorleger bleiben die einzige Ausnahme von einem Begehren, das sich sonst restlos in Nahrung erschöpft. Sein Fressen zielt auf dasselbe wie das der Ferreri-Figuren, das Füllen einer Leere, nur ohne deren Rausch: kein Fest, sondern Arbeit.

Über all dem liegt, mal leise, mal aufdringlich, der titelgebende Schlager. Ausgerechnet Heidelberg, ausgerechnet dieses Lied, das in schmalziger Sechzigerjahre-Diktion ewige Erinnerung und ewiges Glück verspricht, begleitet ein Paar, dem beides längst abhandengekommen ist. 

Die süßliche Stimme des Ohrwurms legt sich über jeden Schlagabtausch der beiden wie ein Verweis auf eine Liebe, die es vielleicht nie gegeben hat, jedenfalls nicht in der Form, die das Lied behauptet. Je öfter die Zeile anklingt, desto deutlicher wird sie zur Chiffre für das, was Bertram und Isolde einander schulden und nicht mehr geben: die Illusion, dass aus der gemeinsamen Zeit etwas Bewahrenswertes geworden sei.

Diese Konstruktion hält über weite Strecken mit spürbarer schwarzhumoriger Könnerschaft die Balance zwischen Situationskomik und Trostlosigkeit. Gegen Ende jedoch verliert der Roman etwas von dieser Balance. Wo die Sprachbilder zuvor pointiert gesetzt waren, geraten sie streckenweise zu übertourig und ebenso aus der Fasson wie Bertram.

Das schmälert nicht, was Strunk hier unternimmt. Seit „Der goldene Handschuh” hat er sich als Autor etabliert, der Komik konsequent als Instrument der Diagnose einsetzt statt als Fluchtweg vor ihr, mit „Memories of Heidelberg” gelingt ihm nach 2021 und 2022 die dritte Nominierung für den Deutschen Buchpreis binnen sechs Jahren, folgerichtig für einen Autor, der dem gealterten, komischen, traurigen Körper so beharrlich treu bleibt. 

Man verlässt dieses Buch mit der Erinnerung an ein Ehepaar, dem man wenig Herzlichkeit entgegenbringen mag und trotzdem nicht recht loskommt, so wie sich der Schlager im Kopf festsetzt, obwohl man ihn nie mochte.

Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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