„Herzblut“ von Rüdiger Lange

„Es ist die Geschichte eines Lebens im Rhythmus anderer Herzen“ (S. 10)

Ein Organ als Taktgeber, ein Berufsleben das einem Rhythmus folgt, den oft andere vorgeben.

Über 15.000 Herzoperationen in vierzig Jahren, das ist die Bilanz, die Prof. Dr. Rüdiger Lange, langjähriger Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum München, in „Herzblut-Spitzenchirurgie zwischen Leben und Tod“ zieht. 

Eine Trophäenschau soll seine Biografie nicht werden. Obwohl er natürlich von seinen beruflichen Höhepunkten berichtet. 

Lange kündigt an, nicht allein von Siegen zu erzählen, sondern auch von der eigenen Verletzlichkeit, von den neuen Operationsmethoden, von der Perfektion und Schönheit des Herzens. Aber auch von seinen schwersten Stunden, dem persönlichen Scheitern und dem Verlust eines Freundes. 

Prof. Dr. Lange ist Spitzenoperateur, Lehrer, Forscher, Manager, Repräsentant seiner Abteilung und vieles mehr. 

Das Buch legt diese Rollen nebeneinander, erklärt, wie er dazu geworden ist, wieviel Einsatz, Verzicht und Engagement es ihn gekostet hat.

Im März 2000 gelingt Lange am Herzzentrum die weltweit erste totalendoskopische Mitralklappenoperation, roboterassistiert. Acht Stunden dauert der Eingriff. Die Patientin überlebt.

Ehrlich ist dieser Lebensbericht und spannend. Lange erzählt ihn selbstbewusst und unverstellt. Er beschreibt sich als einen, der nie laut wurde. Der Respekt forderte und zollte; der Hierarchie erlebte, sich ihr entgegenstellte, wenn es um das eigene Fortkommen ging und natürlich in einer agierte.

Dieses Chirurgenleben wollte er unbedingt, er wollte an die Spitze und dafür ging er, salopp gesagt, privat über Leichen. Zu seinen Irrtümern steht er auch wenn er selbst einem aufsitzt, als er schreibt: „hätte mich jemand vor die Wahl gestellt Beruf oder Familie? Ich hätte mich für den Beruf entschieden. Das hätte, kann hier sehr klar in ein hat umgeschrieben werden, denn, falls es je eine Wahl für ihn gab, hatte er sie längst entschieden.

Obwohl es im Buch um hochdramatische Operationen geht, tatsächlich um Leben und Tod, vermag Lange an manchen Stellen mit großer Nüchternheit zu überraschen.  „Die Herztransplantation ist mit Sicherheit eine der spektakulärsten Operationen, die die Medizin hervorgebracht hat“, schreibt Lange (S. 65), und führt den Vorgang von der Explantation bis zur geglückten Transplantation aus: ein Herz, das „Sekunden zuvor noch geschlagen hat“, gebettet auf gehacktem Eis, um es Momente später in einem anderen Körper einzusetzen, der damit ein neues Leben beginnt. 

Das Einsetzen des neuen Organs vergleicht der Chirurg mit der Arbeit eines Klempners, der den Schlauch einer Waschmaschine anschließt. Der Vergleich ist von entwaffnender Offenheit und sehr sympathisch. Für denjenigen, der unter ihm auf dem Tisch liegt bedeutet dies, er kann auf das handwerkliche Können seines Operateurs vertrauen. Patienten hören das Wort Routineeingriff gern.

Am stärksten ist das Buch dort, wo es die Perspektive kippt: wenn Lange mit der Campingkühltasche samt Spenderherz in den OP-Saal sprintet, während die Empfängerin längst auf dem Tisch liegt, den Brustkorb weit  geöffnet. Der Blick wandert vom Operateur zum Liegenden, und plötzlich gehört der Raum nicht mehr dem Chirurgen allein.

Das Nachwort bündelt, was die Kapitel zuvor andeuten: Die innere Einstellung entscheide, nicht nur für einen selbst, sondern für alle, die sich an ihm orientieren. Zuversicht gilt für Patienten wie für Chirurgen. 

Dann ein Bekenntnis, das nicht selbstverständlich ist: Lange wuchs in einer Zeit auf, in der die Herzchirurgie als Männerdomäne galt und man Frauen diesen Beruf weder intellektuell, körperlich noch emotional zutraute,. Er habe seinen Blick weiten müssen, und er sei stolz darauf, diese Kehrtwende geschafft zu haben. Lange ebnete Frauen den Weg in die Herzchirurgie, wie dessen Mutter ihren sich in die Medizin erkämpft hat.

Sprachlich überrascht die Zugänglichkeit. Für einen Mediziner kommt das Buch mit bemerkenswert wenigen Fachausdrücken aus, medizinische Probleme werden einfach und eingängig erklärt.

Umso deutlicher fällt eine Leerstelle auf. Von einem Mann, dessen Arbeit am Herzen hängt, wäre ein Statement zur Organspende, zur Widerspruchslösung, zum DCD-Verfahren zu erwarten  gewesen.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Hanserblau zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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