„Gelbe Monster“ von Clara Leinemann

„Ich habe meinen Freund geschlagen.“ Seite 61

Sie sitzt in der Straßenbahn, das Gesicht deformiert, ein blaues Auge überschminkt, und fährt zum Antiaggressionstraining. Charlie, Mathematik-Masterstudentin, kurz vor dem Doktorat, Postdoc-Angebot in Madrid in der Tasche. Eine Frau mit Zukunft. Und mit einem Problem, das sie sich zunächst vehement weigert, als ihres anzuerkennen.

Wer von einer Frau mit sichtbaren Spuren körperlicher Gewalt hört, denkt unweigerlich an einen männlichen Täter. Allzuoft trifft diese Annahme zu. Nicht hier. In Clara Leinemanns Debütroman *Gelbe Monster*, erschienen im März 2026 bei Suhrkamp nova, ist es Charlie selbst, die zugeschlagen hat. Die jetzt, herausgesucht von ihrer Kindheitsfreundin Ella, eine Gewaltprävention in 25 Sitzungen à zwei Stunden absolvieren muss, inklusive Tatrekonstruktion.

Das ist ein erzählerischer Coup, weil er ein gesellschaftliches Tabu mit literarischen Mitteln sichtbar macht: Beziehungsgewalt gegen Männer, ausgehend von Frauen, ist in Forschung wie öffentlicher Wahrnehmung gleichermaßen unterrepräsentiert. Das Weibliche wird nach wie vor assoziiert mit Attributen wie Sanftheit, Nachgiebigkeit, Fürsorglichkeit. Eine Frau, die um sich schlägt, passt in kein geläufiges Narrativ. Sie sprengt es.

Leinemann, geboren 1994 in Köln, hat Kreatives Schreiben in Hildesheim studiert. Mit *Gelbe Monster* legt sie ihr Prosadebüt vor, das in seiner Komposition weit mehr ist als ein Coming-of-Age-Roman über toxische Liebe: Es ist eine präzise Demontage der Frage, wie Gewalt entsteht, wie sie sich über Generationen fortpflanzt und wie bereitwillig wir bereit sind, bestimmte Täterinnen zu entschuldigen, während wir anderen dieselbe Empathie verweigern.

Die Geschichte entfaltet sich auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart des Antiaggressionskurses und den Rückblenden in Charlies Beziehung mit Valentin. Er ist Student, Teilzeitbuchhändler, verhindeter Literat, noch gebunden, als sie sich kennenlernen. Was folgt, ist eine Annäherung aus Distanz und Nähe, aus Machtspielchen und Momenten echter Verbindung. Mit ihm fühlt Charlie sich endlich schön, endlich eine Bessere. Bis er die Kommunikation verweigert, sich entzieht, und die Konflikte sich aufschaukeln, bis sich die aufgestaute Wut situativ, körperlich entlädt.

Das ist nachvollziehbar. Das ist das Unbequeme an diesem Buch: Es fällt schwer, Valentin als Opfer zu betrachten, was er wohl auch nicht ist. Und gleichzeitig ist das, was Charlie getan hat, nicht entschuldbar. Leinemann besteht auf dieser Ambivalenz, löst sie nicht auf. Das macht *Gelbe Monster* literarisch redlich.

Was kaum vorkommt: die Mutter! 

Der eigentliche Schlüssel zu Charlie liegt nicht in ihrer Beziehung mit Valentin. Er liegt dort, wo das Buch am sparsamsten ist: bei der Mutter.

Nur in wenigen Stellen erhalten wir Hinweise auf sie. Ein überkommener Glaubenssatz, dass man auf Liebe nicht bauen kann, weil sie schnell entzogen werden kann. Der Vater, der die Familie verließ. Und ein eingebranntes Zitat, das sich Charlie von ihrer Mutter gemerkt hat: „Du hässliches, dummes Stück.” (S. 148)

Dieser Satz sitzt wie ein Fremdkörper im Text. Er erklärt nicht alles, aber er erhellt vieles: das negative Selbstbild, den Hunger nach Anerkennung, die verzweifelte Sehnsucht, endlich schön und begehrenswert zu sein wie Ella, selbstbewusst und stark wie deren Freundin Camille. Charlie wäre gern eine andere. Wer diese andere sein könnte, hat sie vermutlich nie lernen dürfen.

Hier könnte eine psychologische Gewaltbeziehung vorgelegen haben, die Mutter als Täterin, und damit eine Weitergabe von Gewalt im engsten Vertrauensraum über Generationen. Intergenerationale Traumatisierung, die sich nun in Charlies eigenen Händen materialisiert hat. Leinemann sagt das nicht explizit, sie legt es nahe. Klug.

Im Antiaggressionskurs versucht eine der Teilnehmerinnen, Charlies Reaktionen als eine Art Befreiungsschlag zu rahmen: als „noble Gewalt”, kathartisch, moralisch sauber, letztlich emanzipatorisch. Das ist eine verführerische Logik, und Leinemann lässt sie stehen, ohne sie zu widerlegen, aber auch ohne ihr zuzustimmen. Gewalt bleibt Gewalt, auch wenn sie feministisch begründet wird. Was die Figur als Befreiung nennt, entlarvt der Roman als das, was es ist: Selbstbetrug.

Das ist ein wichtiger, ein notwendiger Moment im Buch, weil er zeigt, dass die Mauer des Schweigens rund um weibliche Täterschaft nicht nur von außen, durch gesellschaftliche Blindheit, aufrechterhalten wird, sondern auch von innen, durch eine feministische Rhetorik, die Empathie und Entschuldigung verwechselt.

Was *Gelbe Monster* trotz seiner inhaltlichen Schwere lesbar. Die Figur der Charlie macht es berührend. Sie ist klug, selbstreflexiv, voller Widersprüche, manchmal unerträglich und doch nie zu verurteilen, ohne das eigene Urteil zu hinterfragen. Leinemann schreibt sie ohne Klischees, ohne Entschuldigung, aber mit Verständnis. Das ist eine erzählerische Leistung.

Clara Leinemann hat mit ihrem Debüt einen Roman vorgelegt, der diskutiert werden muss. Er gewann nicht zufällig den lit.COLOGNE-Debütpreis 2026. 

Sehr empfehlenswert. Und sehr diskussionswürdig.

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