„…Gerade weil er so abhängig von mir war und das nicht ertrug, musste ich erniedrigt werden. Seite 83
Christien Brinkgreve durchmisst nach dem Tod ihres Mannes das emotionale Labyrinth einer vierzigjährigen Ehe. „Ein Versuch meine Liebe zu ordnen“ ist kein spätes Abrechnen, sondern eher eine methodische Sichtung.
Die Autorin reist zurück an die Anfänge der Beziehung, verknüpft Orte mit Gefühlen, spätere Reaktionen mit Prägungen ihrer Kindheit, ihr „Standing“ als Frau zwischen Kindern und akademischer Karriere und beleuchtet die feinen Verschiebungen, die ihre Liebe zu A. allmählich deformieren.
Der Tod ihres Mannes setzt den analytischen Prozess in Gang. Ihr Schreiben zur Sichtbarmachung einer „beziehungsabhängigen Archäologie“: Schicht um Schicht legt sie frei, was unter Gewohnheit, Loyalität und Angst sedimentiert war.
Wann ging die Liebe in die Brüche? Und was verband sie am Ende noch? Brinkgreve notiert nüchtern: „Bei ihm vollzog sich ein stetiger Abbau seiner Existenz, während bei mir das Gegenteil passierte.“ (S. 53). In diesem präzisen Kontrast liegt die tektonische Verschiebung der Beziehung: Während sie an Autonomie gewann, verlor er durch seine Pensionierung an Bedeutung und Halt. Es begann eine Dynamik, die sich in Konkurrenz, Eifersucht und subtiler Abwertung niederschlug.
Ihr Denken tastet sich immer wieder selbstkritisch, jedoch zögerlich, prüfend voran.
In kleinen Szenen wird ihre Verwundung sichtbar. Etwa jenes Geburtstagsbuch, das A. mit Beiträgen von Freunden für sie organisiert, ein Akt der Zuwendung, der einen doppelten Boden hat. Am liebsten hätte er sein Projekt für sich behalten. Aus Eifersucht auf die Aufmerksamkeit, die darin ihr galt?
Der Text ist beinahe analytisch. Brinkgreve vertraut mehr auf Beobachtung und Rückbestätigung statt auf Pathos.
Sie fragt einen Freund, ob A. stolz auf sie gewesen sei. Anfangs ja, später habe er sich übertrumpft gefühlt. Diese Rückmeldung deckt sich mit ihrer Erinnerung, und mit dem Muster, das sie zunehmend daraus erkennt: „Ist das ein Frauenmuster: sich nach einer anderen Person zu richten, Rücksicht auf ihre Gefühle zu nehmen, damit die Stimmung nicht kippt, sich anzupassen, um Mißmut zu verhindern?“ (S. 82).
Hier wird die Soziologin sichtbar, die ihre eigene Biografie mit den Ergebnissen der Frauenforschung abgleicht, irritiert darüber, dass sie über das theoretische Rüstzeug zur Entlarvung patriarchaler Strukturen verfügte, es aber im Privaten nicht zur Anwendung brachte. Männer, so ihre Beobachtung, nehmen und bekommen mehr Raum, ihre Traumata auszuleben; sie reklamieren ein Recht auf Verständnis. Das Machtgefälle wirkt nicht spektakulär, sondern alltäglich, eingebettet in Fürsorge, in Abhängigkeit, in subtile Zermürbung.
Warum ist sie geblieben? Die Antwort kommt zögerlich, als misstraue sie den eigenen Motiven. „… gerade weil er so abhängig von mir war und das nicht….“ (S. 83).
Hinzu kam die Furcht vor der Verwüstung einer Trennung für sich und ihre Kinder.
Die Angst, den Kindern den Vater „aufzubürden“.
Auch die Loyalität gegenüber tradierten Normen, band sie an die Vorstellung, man lasse einen anderen nicht im Stich. Eine früh verinnerlicht Sozialisation. Und womöglich gesteht sich sich auch Abhängigkeit im umgekehrten Sinn ein: Seine kreative Energie nährte ihre Inspiration.
Der Rückzug erfolgt nicht frontal, sondern territorial. Zwei Orte, zwei Leben: Sie im Ferienhaus in Egmond aan Zee, er in Amsterdam. Sie bleibt in der Struktur Ehe, entzieht sich aber seinem Machtbereich. Ein Fluchtmechanismus, der Dissonanzen vermeidet, ohne sie aufzulösen. Der zweite Ort wird zum Experimentierfeld einer Autonomie, die im gemeinsamen Raum nicht möglich war.
Dennoch hält sie die Verbindung, in der Hoffnung auf erneute Annäherung.
Und Fürsorge-Szenen tragen zu dieser Ambivalenz bei. Bei ihrer Augenoperation begleitet er sie liebevoll, umsorgt sie, sicher in der Rolle des Helfenden. Sobald sie wieder autark ist, verschließt er sich erneut. Nähe ist möglich, solange sie seine Funktion bestätigt; Unabhängigkeit irritiert.
Nach seinem Tod holt Brinkgreve ihre Klarinette hervor, nimmt Unterricht. Um das ganze Klangregister zu entfalten, rät ihr der Lehrer: „Es ist ein schmaler Grad, … zwischen der Vorsicht und dem Erzwingen, aber trau dir mehr zu, trau dir zu anwesend zu sein, dich im Raum zu manifestieren.“ (S. 97).
Dieser Satz kondensiert die innere Bewegung des Buches. Jahrzehntelang hatte sie Anwesenheit dosiert, um Gleichgewicht zu wahren. Nun geht es darum, Präsenz nicht länger als Bedrohung zu begreifen. Die Musik wird zur Metapher einer nachgeholten Selbstermächtigung.
Dass Elke Heidenreich im Klappentext von „furchtloser Ehrlichkeit“ spricht, ist nachvollziehbar. Brinkgreves Ehrlichkeit ist präzise. Mut liegt im Sichtbarmachen und Aushalten der Ambivalenz: der Einsicht, dass Liebe und Macht ineinander greifen.
Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen ist eine sezierende Selbstbefragung, die zeigt, wie tief Machtverhältnisse in intime Gefüge eingeschrieben sind, selbst dann, wenn man sie theoretisch durchdrungen hat. Brinkgreve demonstriert, dass Erkenntnis nicht automatisch Handlung erzeugt und dass Selbstaufklärung ein langwieriger Prozess ist.
Die Qualität des Buches besteht in seiner methodischen Nüchternheit. Brinkgreve rekonstruiert! Sie akzeptiert Ambivalenzen als Befund und verweigert die moralische Simplifizierung einer eindeutigen Schuldzuweisung.
Was sie stattdessen leistet, ist die genaue Kartografie einer Beziehung, in der das Ringen um Raum, physisch wie psychisch, zum zentralen Konfliktfeld wird und schließlich in eine konkrete, gelebte Raumnahme mündet.
Zugleich unterzieht sie feministische Theoreme einer Belastungsprobe im Intimen: Begriffe wie Machtgefälle, Anpassungsleistung oder internalisierte Norm werden nicht behauptet, sondern am eigenen Leben verifiziert. Gerade in dieser Rückkopplung von Theorie und Erfahrung qualifiziert das Buch zu einer Ausnahmeerscheinung.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…