„Ich finde es erstaunlich wie aus einem Menschen ein Gegenstand wird. Im Strafrecht gilt der tote Körper als Sache, wie ein Auto oder ein Hut.“ Seite 60
Es ist ein zutiefst unbehagliches Vergnügen, das Dunkle Momente bereitet. Unbehaglich, weil dieses Buch unseren Voyeurismus nicht nur bedient, sondern ihn geradezu herausfordert.
Wir sitzen in der ersten Reihe des Gerichtssaals, mit freier Sicht auf die Angeklagten, die Verteidigerin und unser Rechtssystem.
Neben den nüchternen Fakten der Fälle erhalten wir ihre ganze Geschichte, inklusive aller Gefühlslagen, Zweifel und Brüche. Es stellt sich jenes bekannte „XY-ungelöst“-Gefühl aus der gleichnamigen Abendsendung ein, nur hier bekommen wir noch die Fortsetzung.
Und manchmal auch etwas, das wir lieber nicht wüssten.
Im Zentrum steht Eva Herbergen, Strafverteidigerin. Sie erzählt präzise, unaufgeregt, bemerkenswert ehrlich von einigen ihrer brisantesten Fälle.
Kein einziger davon bleibt folgenlos für die Lesenden.
Denn es sind nicht die Straftaten allein, die unter die Haut gehen, sondern die Geschichten dahinter: die Abgründe im Menschen, die Verkettungen von Umständen, die Sekunden, bevor ein Leben kippt. Schuld und Unschuld werden nicht als Gegensätze vorgeführt, sondern als fragile Kategorien, die sich verschieben und gegenseitig durchdringen.
Hoven zeigt, wie sehr eine Tat, in einem Moment begangen, einen Menschen lebenslang zeichnet.
Biografische Brüche, die sich nicht kitten lassen. Der Mensch mag zuvor liebevoll, fürsorglich, unauffällig gewesen sein: Nach der Tat wird er reduziert auf diesen einen Augenblick. Ein Gedanke, den das Buch immer wieder umkreist und auf den es eine seiner klarsten Antworten findet: Der Mensch ist mehr als seine Taten (S. 94).
Auch die Erzählerin selbst bleibt nicht unversehrt. Herbergen sucht nach Wahrheit und danach, wie weit sie bereit ist, für diese zu gehen.
Ein früher Fall überschattet ihr Selbstbild: eine Unaufmerksamkeit, die sie sich selbst zuschreibt und die in einer Tragödie endet.
Hier wird deutlich, dass dieses Buch nicht nur von Schuld erzählt, sondern auch von Verantwortung, von professioneller Distanz und ihren Grenzen. Die Verteidigerin ist nicht die allwissende Instanz, sondern eine Zweifelnde und Verwundbare.
Was Hoven – mit einem beeindruckenden Lebenslauf weit über die Juristerei hinaus – hier vorlegt, sind Geschichten mit überraschenden Wendungen. Kaum etwas ist schwarz oder weiß; irgendwo bleibt immer ein grauer Fleck.
Klug hält sie die Lesenden in Atem, durch eine präzise Choreografie der Erzählung, die manchmal einem Tritt in die Magengrube gleicht. Täter-Opfer-Zuschreibungen werden verschoben, Gewissheiten unterlaufen, moralische Reflexe bewusst provoziert.
Am Ende bleibt eine produktive Verunsicherung: Was genau hatte man hier eigentlich in der Hand? Eine Dokufiktion? Einen literarischen True-Crime-Roman? Rechtsnarrative, juristische Erzählliteratur?
Die Antwort ist vermutlich: nicht so wichtig. Dunkle Momente entzieht sich der eindeutigen Kategorisierung .Es ist ein Buch, das unser Urteilsvermögen herausfordert uns aber auch zu Zuschauern einer klugen Inszenierung des Bösen macht.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…