„Die wahre Botschaft eines Buches findet man nicht, indem man dem Ende entgegenhechelt, sondern langsam hindurchschlendert, dem leisen Wellenschlag der Sprache lauscht.“ (S. 18)
Der Satz ist eine kluge Gebrauchsanweisung für dieses Buch. Wer Michal Ajvaz in Veronika Siskas Übersetzung liest, sollte sein Tempo auf Spaziergangstempo drosseln.
Die Erzählungen von „Die Rückkehr des alten Waran“ sind mal nur wenige Zeilen kurz, mal erstrecken sie sich über mehrere Seiten. Zusammen ergeben sie ein Spiegelkabinett voller skurriler Viecher, grotesk und absurd, doch getragen von einem Blick, der das Wunderbare im Alltäglichen aufspürt.
Michael Stavarič spricht in seinem Vorwort von einem Feuerwerk an Skurrilitäten und stellt die Frage, was an diesem Buch eigentlich Schwachsinn sei. Die Antwort fällt knapp aus: wenig. Denn hier arbeitet jemand mit doppelten Böden und Vexierspiegeln und verknüpft Alltägliches mit Phantasmen, ohne dass die Konstruktion je auf den Fugen gerät.
Wie das konkret aussieht, lässt sich andeuten, ohne es zu verraten. Eine nächtliche Prager Szene beginnt mit einem Angriff aus der Dunkelheit am Veitsdom, und der Angreifer ist von einer Art, auf die man weder in Prag noch anderswo vorbereitet wäre.
Prag gilt als Stadt der Erscheinungen; mit Golems rechnet man, mit dieser Besetzung nicht.
Eine andere Erzählung verlegt ein Zimmer auf den Grund eines tiefen Aufzugschachts, und ein leises Unbehagen schleicht sich ein, das an Edgar Allan Poe erinnert, ohne dass der Text ins Schauerliche kippt.
In „Rätsel“ wiederum quält ein beißwütiges kleines Tier den Menschen mit Fragen, die sich nie auflösen. Das Beißen ist dabei nicht das Problem, sondern die Rätsel, die den Kopf besetzen, bis die wunderbaren Dinge ringsum unbemerkt vorbeiziehen. Die Krone der Schöpfung, vorgeführt von einem Tier.
Was dieser Prosa ihre Verwandtschaft gibt, sind die Bilder aus dem Kino der Zwanzigerjahre. Die verzerrten Kulissen von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) stehen vor Augen, ebenso Hans Richters Dadaismus-Film „Vormittagsspuk“ (1928), in dem Hüte fliegen und Gegenstände rebellieren.
Dazu tritt Lewis Carrolls Alice, versetzt nach Prag und in eine Gesellschaft von Betrunkenen, die von Nachtzügen gequert werden.
Für Leser:innen mit Literaturstudium hält der Band zudem einen weiteren Reiz bereit. Hinter vielen Andeutungen verbergen sich bedeutende Literaten begonnen bei Kafka über André Breton und sogar Äsop. In der Erzählung Inhaltsverzeichnis überrascht Ajvaz mit einer Art Rezension über einen philosophisch aufgeladenen, selbstironischen Prag-Krimi mit Hang zur Groteske.
Der zweite Teil des Bandes, „Mord im Hotel InterContinental“, versammelt Gedichte. Sie wirken wie zusammengedampfte Geschichten, ein Kaleidoskop, das bei jeder Drehung ein anderes Bild gibt.
Wer Prag kennt, dem erschließen sie sich eher; sie sprechen von Reisen und dunklen Seelen. Die Melancholie, die sich beim Lesen einstellt, entsteht nicht durch Begreifen, sondern durch Fühlen.
Hier wird Verstehen schwer. Die Erzählungen tragen da mehr Freude in sich als die Gedichte, und nicht jeder Text lässt sich gleichermaßen bis auf den Grund verfolgen.
Im Nachwort sagt der Autor über alle seine Bücher: „Sie handeln von der Lehre und von einem Ort.“ (S. 180) Der Ort ist unverkennbar Prag, geprägt von jener Zeit, die mit dem Prager Frühling 1968 und der anschließenden Absicherung der kommunistischen Herrschaft einen Bruch in die Stadt schrieb. Dass Ajvaz von Kafka, Proust und dem französischen Surrealismus herkommt, ist dem Band anzumerken.
Zu den Erzählungen vom Alten Waran notiert er: „Nun bildete das Wechselspiel von Spannung und Entspannung den lebendigen Körper des Satzes.“ (S. 181) Es ist die genaueste Beschreibung dessen, was man zuvor selbst gelesen hat.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Allee Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…