„Veränderungen waren die Quelle allen Übels“ S.261
„… die Pinguine sind im Haus” (S. 151), heißt es, wenn sich die Kontrollorgane ankündigen und aus dem trägen Alltag im Baumarkt binnen Minuten ein einstudiertes Schauspiel wird.
Der Satz markiert die Nahtstelle, an der sich Denis Pfabes Roman „Die Möglichkeit einer Ordnung” bewegt: zwischen dem, was in den Gängen gezeigt wird, und dem, was hinter den Regalreihen tatsächlich tagtäglich passiert.
Im Zentrum steht Levin Watermeyer, der den Mikrokosmos des BAUMARKT, gegründet einst von Friedrich Sanger nach amerikanischem Vorbild und bis heute fast messianisch verehrt (S. 152), in- und auswendig zu kennen glaubt.
Die Regalsortierung, die Kollegen, die kleinen Intrigen zwischen Schraubenabteilung und Gartenbereich, all das ist ihm vertraut, bis eine anstehende Expansion diese vermeintliche Ordnung in Unruhe versetzt.
Um ihn herum ein Personal, das Pfabe mit spürbarer Kennerschaft zeichnet: der überforderte Stellvertreter Seehafer, im Weißhemd mit Logosticker stets um seine Wichtigkeit besorgt; der tierliebende Gegenspieler Tampe; die Neue Pina, deren Auftreten Ehrgeiz und Unberechenbarkeit gleichermaßen verrät.
Ein Arbeitsunfall, der eher vertuscht als aufgeklärt wird, und ein Biotop unter Naturschutz, das ausgerechnet dort liegt, wo das neue Lager entstehen soll, bringen das System endgültig aus dem Takt.
Wohin diese Verschiebungen führen, verrät der Roman erst im Verlauf, und es ist gerade die Konsequenz, mit der Pfabe seine Ausgangslage eskalieren lässt, die ihn über die reine Betriebssatire hinaushebt.
Sprachlich arbeitet Pfabe mit einem Bildarsenal, das dem Milieu seine eigenen Metaphern abringt. Der Raucherraum wird zum Gorillagehege, der dienstälteste Kollege zum Silberrücken, dessen Dominanzgehabe niemand mehr hinterfragt.
Parallel dazu ein Vokabular des Krieges: Schützengraben, Frontlinie, der Kunde als Feind, der Tresen mit Spuckschutz als Bollwerk, die altgedienten Mitarbeiter als Veteranen, zurückkehrend aus dem täglichen Gefecht. Nicht additiv nebeneinander stehen diese Bildfelder, sondern sie durchdringen sich. Pfabe webt präzise private Verletzungen in die betriebliche Choreografie ein.
Was diesen Roman über die einzelne Filiale hinausträgt, ist die Genauigkeit, mit der er zeigt, wie Menschen auf ein System reagieren, das sie strukturell überfordert. Personalmangel, ständig steigende Zielvorgaben, eine Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf die Belegschaft: All das beantworten Pfabes Figuren nicht mit Widerstand, sondern mit eigenen, oft fragwürdigen Strategien der Selbstbehauptung.
Die innere Kündigung ist die stillste davon. Die Vorteilsnahme die konsequenteste. Dazwischen die Selbstüberschätzung, mit der sich mancher über die eigene Erschöpfung hinwegtäuscht, und ein Miteinander, das sich wandelt, seit das Smartphone zur eigentlichen Bezugsperson geworden ist.
Selbst persönliche Schicksale wie das um Pina geraten in diesem Sog manchmal schon etwas zu dick aufgetragen, so als müsste jede Figur ihre eigene kleine Katastrophe vorweisen.
Dass der Schutz der Flora und Fauna genau dort endet, wo die finanziellen Interessen beginnen, ist keine Randnotiz im Roman, sondern die konsequenteste Volte des Romans: Verhandelbar wird hier alles, was sich nicht rechnet, auch die Nähe zwischen Menschen, ob sie sich nun digital oder in natura ereignet.
Dass diese Genauigkeit kein literarisches Kunststück aus der Distanz ist, verrät ein Blick auf Pfabes eigenen Werdegang. Der 1986 in Bonn geborene Autor ließ sich zunächst zum Kaufmann im Einzelhandel ausbilden und fuhr über Jahre selbst Gabelstapler in einem Baumarkt, ehe er Medienkommunikation und Journalismus studierte und an der Bayerischen Akademie des Schreibens sein Handwerk verfeinerte. Diese doppelte Schulung, die praktische im Verkaufsraum, die literarische im Seminar, erklärt die genaue Beobachtungsgabe, mit der „Die Möglichkeit einer Ordnung” arbeitet: Hier schreibt keiner, der sich einen Betrieb angelesen hat, sondern jemand, der ihn von innen kennt.
Es ist bereits der dritte Roman des Autors, dessen Text bereits 2024 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet wurde, ein früher Beleg für die Wirkung, die diese Milieustudie entfalten kann.
Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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