„Da draußen ist mein Name Emmi, aber eigentlich bin ich jemand anderes.“ S. 124
Es gibt Kritikerurteile, die ein Eigenleben entwickeln, das ihrem Urheber über den Kopf wächst. Als Denis Scheck ein Buch abfällig als Botschaft aus der Schnatterzone einer Damentoilette abtat, ahnte er vermutlich nicht, dass er damit nicht nur eine Debatte, sondern gleich eine ganze Anthologie provozieren würde.
Zweiundzwanzig Autorinnen antworten nun, unter der Herausgeberschaft von Friederike Schilbach, mit einem Buch, das den Ort, der als Chiffre für Belanglosigkeit herhalten sollte, zum literarischen Raum erklärt und ihn damit der Häme entzieht.
Der Titel ist Programm und Retourkutsche zugleich: Wo ein etablierter Rezensent einen Ort benennt, um ein Werk kleinzureden, holen die versammelten Stimmen genau diesen Ort ins Zentrum und zeigen, was er alles trägt.
Das ist klug gedacht, weil es die Abwertung nicht bestreitet, sondern sie umkehrt. Die Damentoilette wird zum Schauplatz, an dem sich verhandelt, was sonst keinen Raum findet, gesellschaftliche Machtverhältnisse ebenso wie ganz private Zusammenbrüche.
Elina Penner eröffnet ihren Beitrag mit einer Fußballgeschichte, in der sich die Toilette von einem Ort mühelosen Durchmarsches zu einem Ort der Aushandlung wandelt, sobald die Location sich ändert. Einen Fußballplatz voller Männer kann man vom Anspruch auf das stille Örtchen nicht mit einem Kulturevent in einem Stadion vergleichen. Die Pointe liegt in der Beiläufigkeit, mit der aus individueller Not kollektive Solidarität wird, ohne dass der Text sie ausstellt.
Dana Vowinckel geht weiter und widersteht der Versuchung, den Ort zu verklären. Ihr Text erinnert sich an frühe Erfahrungen auf dem Mädchenklo und weigert sich, daraus ein glattes Bild weiblicher Solidarität zu machen. „Frauen, denken Sie seien Frauen, weil sie die richtigen Geschlechtsteile in der Hose haben“ (S. 45), heißt es an einer Stelle, und genau in diesem Widerstand gegen die eigene Ausgangsthese liegt die analytische Schärfe des Beitrags.
Es geht ihr nicht darum, wer was auf der Toilette besprochen bespricht, sondern um das Erzählen selbst als emanzipatorischen Akt.
Auch Nicole Seifert meidet die einfache Volte. Ihre Geschichte zweier entzweiter Schwestern, die sich nach einem Jahr Funkstille bei einer Verlobungsfeier begegnen, nutzt die Toilette als Ort, an dem Masken fallen, ohne dass erklärt werden müsste, warum. Die Dramatik entsteht aus der Leerstelle zwischen Gang und Rückkehr an den Tisch.
Gabriele von Arnim nähert sich dem Thema über die Sprache selbst und seziert das Wort „Dame“ mit spürbarem Vergnügen an der eigenen Renitenz. Ihre These, dass Männer vor Frauen mehr Angst hätten als vor Damen (S. 54), liest sich wie eine kleine Kampfansage an die Domestizierung durch Höflichkeit, und ihr Rückgriff auf die Etymologie gibt dem Essay eine Tiefe, die manch anderer Beitrag im Band schuldig bleibt.
Lin Hierses Beitrag sticht heraus, weil er den Realismus der übrigen Texte verlässt und ins Märchenhafte kippt. Die Verwandlung einer Frau in eine Bärin vor den Augen einer anderen, die sich selbst nicht zu entkommen traut, liest sich als Bild für die Kluft zwischen dem, was man ist, und dem, was man zu sein könnte.
Der Reiz des Bandes liegt in seiner Vielstimmigkeit. Eine Anthologie beansprucht nicht, ein geschlossenes Werk zu sein. Sie ist ein Chor, in dem einzelne Stimmen schriller, andere leiser sind, der aber in der Summe genau das widerlegt, was Scheck unterstellt hatte: dass es sich bei diesem Ort und den Geschichten, die er birgt, um bloßes Geschnatter handelt.
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von park x ullstein zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.
Diese Rezension konzentriert sich auf die deutschsprachigen Beiträge des Bandes, doch kommen im Buch auch Autorinnen aus Ländern zu Wort, in denen der Ort nicht Damentoilette, sondern Restroom oder The John heißt, was dem Chor noch eine zusätzliche, internationale Stimme hinzufügt.



[…] „Dieser Band ist keine späte Gedenkplatte, sondern ein Monsterbrillant aus dem Tiefsee‐Schatz der deutschsprachigen Literatur: 15 Geschichten, die zeigen,…