„In der zivilisierten Welt ist das Klo so tabuisiert wie der Tod.“ S. 19
Kein Thema für die Öffentlichkeit?
„In der zivilisierten Welt ist das Klo so tabuisiert wie der Tod.” Franzobel hat recht. Und weil er recht hat, schreibt er ein Buch darüber. Man könnte meinen, das sei Provokation um der Provokation willen; aber weit gefehlt. Denn wer sich erst einmal auf das stille Örtchen einlässt, das in diesem schmalen Bändchen keineswegs still bleibt, der bemerkt schnell: hier geht es nicht nur um Fäkalien. Es geht um Tabu, Scham, Zivilisation und den unerschütterlichen menschlichen Versuch, das Unschöne wegzuschließen, wegzuriechen, wegzuspülen.
Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, Ingeborg-Bachmann-Preisträger, Autor großer historischer Romane, steigt für das kleine Format herab, in den Orkus. Erschienen im Residenz Verlag, illustriert von Hanna Zeckau, ist „Das Klo” Teil der Reihe „Dinge des Lebens”. Und was für ein Leben dieses Ding geführt hat! Vom Gemeinschaftsklo der Antike, an dem die Römer sozusagen in voller Gesellschaft ihren Geschäften nachgingen, über den noblen Nachttopf des Adels, den Donnerbalken des Soldaten bis in die hygienisch optimierten Porzellanwelten unserer Gegenwart erzählt Franzobel mit heiterem Sprachgewitz und dem nötigen Ernst darunter.
Die Fakten, die er dabei ans Tageslicht befördert, staunen und erschrecken gleichermaßen. Drei Jahre seines Lebens verbringt der Mensch im Durchschnitt auf dem Klo.
Klos sind die einzigen Räume, die wir absperren dürfen, ohne uns erklären zu müssen; allein das sagt einiges über die Zumutungen des gesellschaftlichen Lebens. Und bis 1960 hatte kein Kinopublikum der Welt je eine Kloszene zu sehen bekommen: es brauchte Alfred Hitchcock, um die gurgelnde Porzellanschüssel salonfähig zu machen. Für die nachhaltigste filmische Interaktion auf dem Örtchen sorgte dann John Travolta in Pulp Fiction.
Franzobel nähert sich dem Häusl von allen Seiten, und wenn er dabei Obsessionen, anonyme Begegnungen und kollektive Neurosen streift, verliert er weder den Humor noch den Boden unter den Füßen.
Sein Mittel? Zwischenüberschriften benannt nach Beatles-Songs. Yellow Submarine. Let It Be. Ob die Fab Four ausscheidungsfixiert waren? Der Autor lässt die Frage mit einem verschmitzten Lächeln im Raum stehen. Zu ernst nimmt er die Spekulation selbst nicht, und das ist klug.
Was er jedoch sehr ernst nimmt, ist die globale Asymmetrie des Themas. Zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zur Toilette. Während wir über Klopapierknappheit diskutieren, auf das wir erst dann aufmerksam werden, wenn wir keines haben, fehlt anderen schon das Grundlegende. Franzobel spart diesen Gedanken nicht aus; er ist der Moment, in dem das Büchlein aufhört, nur komisch zu sein.
Und dann ist da noch die letzte Provokation des Autors, fast beiläufig hingestellt: Würden Sie dieses Buch auch in der Öffentlichkeit lesen? Mit dem Cover nach oben? Die Frage ist nicht rhetorisch. Sie ist ein kleiner Spiegel, hingehalten an alle, die meinen, über manche Dinge spricht man nicht.
„Das Klo” ist nicht für den Arsch. Es ist ein knappes, schräges, unterhaltsames Plädoyer dafür, die eigene Scham zu befragen. Und nebenbei bemerkt: Franzobel selbst ekelt sich vor Klos. Dass er trotzdem dieses Buch geschrieben hat, sagt alles über den Mut zur Konsequenz.



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