„Belly Up“ von Rita Bullwinkel

„Ich muss mit meinem Mann sprechen und mit dem Kochen.“ S. 28

Dieses Buch ist ein Überraschungs-Ei und das einige Wochen vor Ostern. 

Jede Geschichte dieser Sammlung überrascht entweder durch Stil oder Inhalt, meist sogar mit beidem.

Die amerikanische Autorin Rita Bullwinkel, Jahrgang 1989, heute Herausgeberin des legendären Literaturmagazins *McSweeney’s* und Professorin für Kreatives Schreiben an der University of San Francisco, ist eine der ungewöhnlichsten Stimmen der jungen amerikanischen Gegenwartsliteratur. Sie erhielt internationale Bestätigung durch ihre Aufnahme in die Booker Prize Longlist, Pulitzer Prize Shortlist, Obama-Sommerlektüre. 

Wer Bullwinkel noch nicht kennt, beginnt am besten hier, am Anfang, wo alles noch roher und spektakulärer ist.

Was finden wir hier? Liebesgeschichten? Oder ihr Gegenteil. Was auf dasselbe hinausläuft.

Bullwinkel interessiert sich für das, was zwischen Menschen geschieht, wenn die Sprache aufgehört hat zu funktionieren oder nie wirklich angefangen hat. Ihre Figuren tragen ihre Gefühle wie schlecht sitzende Kleidung, die man irgendwann einfach nicht mehr auszieht.

Eine Sekretärin ist in ihrer Ehe erstarrt. Nur 

„Der Sex war noch nie ermüdend oder anstrengend”, doch das miteinander Sprechen und die ganze schwere Logistik des gemeinsamen Lebens ist ihr zu viel. 

Warum nicht ein wenig entgleisen, so ganz ohne Drama und Eskalation, fast beiläufig.

Oder eine Parabel über den Ersatz eines Kleidungsstücks. Eines echten Büsten—Halters mit Namen Mark, der tatsächlich Hand anlegen muss, bis er verschleißt. Die Lakonie des Tons macht die Grausamkeit hier erst sichtbar. Bullwinkel interessiert sich nicht für moralische Kommentare, sie lässt die Struktur sprechen und den Lesenden freilich ein wenig amüsiert doch verstört zurück. 

Eine der verstörendsten Geschichten war für mich die der *Besorgten Bürger*, eine allegorische Täterstudie von eisiger Präzision. Die ist wirklich monströs und lässt einem aufgrund des kollektiven Wegschauens schockiert im Regen stehen. 

Aber auch lyrische Töne sind zu lesen. Stille Requiems in Moll über die Trauer, wenn man einen geliebten Menschen verliert.

Bullwinkels Prosa bewegt sich zwischen dem amerikanischen Minimalismus einer Lydia Davis und der allegorischen Kühnheit von Flannery O’Connor, ohne sich bei einer der beiden einzurichten. 

Was ihre Geschichten verbindet, ist weniger ein Thema als eine Haltung: das Interesse am Verborgenen, das sich nicht ausstellt. Täter tarnen sich als Früchte, Ehen sterben in Schweigen, Trauer archiviert sich in Haargläsern, Liebe erschöpft sich im Stuhlbauen für jemanden, der sich schon umgedreht hat.

Formal ist Bullwinkel experimentierfreudig, ohne dabei exhibitionistisch zu werden. Der Artikelentzug in *Was Mädchen gebaut* ist kein Trick, er ist Weltzustand. Die Kälte des Eises überträgt sich auf die Syntax selbst. In *Besorgte Bürger* bleibt die Fabelform streng, gerade weil ihr Sujet so grausam ist: Die Distanz der Tiergeschichte macht das Unmittelbare erst sagbar.

*Belly Up* ist ein Geschichtensammlung, die wie ein Ensemble funktioniert. 

Die Geschichten funktionieren wie Instrumente in diesem Ensemble. Jede mit eigenem Klang, eigener Methode und Melodie. 

Was sie zusammenhält, ist Bullwinkels Überzeugung, dass das Wesentliche selten benannt wird und dass Sprache, wenn sie ehrlich ist, genau das zeigen muss. Ihre Prosa hat Biss. 

Und tarnt sich doppelbödig schon mal gern als Birne.

Ich empfehle das Buch allen, die gern überraschende, experimentelle Literatur lesen, die die unterschiedlichsten Stimmungen auslösen kann.

🐸 Mehr Rezensionen: ,