„Alice will einfach aufhören zu weinen.“ (S. 69)
Der Satz ist nach der Grammatik gebaut, nach der der ganze Roman funktioniert: ein Name, ein Verb, kein Kommentar.
Die Besprechung von Marlen Mairhofer’s Debüt soll mit einem Wortspiel beginnen, das den Sturz von Lewis Carrolls Alice in den Kaninchenbau in seine Redewendungen zerlegt.
Alice fällt hin, fällt auf, fällt herein, fällt über etwas her oder aus allen Wolken. Ihr fällt etwas zu, und sie fällt aus der Rolle.
Jelinek hat Phrasen zertrümmert, um die Ideologie freizulegen, die in ihnen wohnt; Mairhofer nimmt sie beim Wort und lässt sie ein Mädchen durchs Leben tragen. Das ist spielerisch, und es ist von Beginn an kein Spiel ohne Preis.
Die Kapitel sind kurz, und jedes öffnet ein neues Zimmer: bunte Schleifchen im Haar, Pferdezeitschriften, die beste Freundin und ihr Verrat, die Sorge, ob die Brüste wachsen, ob die Jungen schauen, ob der Tampon hält. Als Kind will Alice gesehen werden, sie dreht sich, die Erwachsenen sollen schauen. Später will sie von Fremden in der Stadt nicht mehr angestarrt werden, und zugleich betrachtet sie den eigenen Körper, bis einer sie dort ansehen will. Sie ist erregt.
Das Erkunden kippt ohne Übergang in Begegnungen, die der Text nicht abfedert. Aus dem Wunderland wird ein Aufprall, erzählt in derselben Tonlage wie die Schleifchen.
Was dieses Buch trägt, ist die Liste. Alice will nicht: zunächst Kleinigkeiten der Kindheit, dann, mit den Jahren, größere, unfassendere Dinge. Sie will nicht angefasst werden und nicht, dass die Bienen sterben. Sie will nicht unter Schmerzen gebären, keine Söhne haben und nicht, dass diese im Krieg sterben, nicht vergewaltigt werden.
Über die Zukunft will sie nicht sprechen. Die Aufzählung wächst von der Jackentasche bis zur Geschichte, und an ihrem Ende steht der Satz, mit dem diese Besprechung begann: „Alice will einfach aufhören zu weinen.“ (S. 69) Nicht Trauer wird hier benannt, sondern ein Wunsch nach Abstellbarkeit. Das Adverb „einfach“ behauptet eine Leichtigkeit, die nichts in diesem Buch bestätigt.
Den Widerspruch der Kindheit fasst Mairhofer an anderer Stelle in einen einzigen, langen Satz: Es sei kaum zu ertragen, wenn man „für alles, was man kann, schon zu groß, und für alles, was man will, noch zu klein ist“ (S. 71), und sich bei Gesten ertappt, die man weder mehr noch schon vollständig beherrscht, ohne lächerlich zu wirken. Das ist nicht Zeitgeist-Prosa über Mädchenjahre, sondern Syntax, die das Zuviel und Zuwenig selbst vorführt: Der Satz wächst, stolpert, fängt sich.
Die Fragen ihrer Dissertation über Haushofer, Bachmann und Cixous, wer in der Sprache wie viel gilt und was einer Frau darin zugestanden wird, kehren im Roman wieder, ohne Thesenballast. Die 1991 in Steyr geborene Autorin erhielt für das Manuskript 2025 den Theodor Körner Förderpreis; im August 2026 erschien es bei Jung und Jung, und es steht auf der Debütpreis-Longlist des Österreichischen Buchpreises.
Alice erzählt eine Geschichte, die sie mit allen Mädchen teilt. Sie beginnt in Rosa, führt über Schleifchen und Pferdezeitschriften und folgt Erwartungen, die älter sind als jedes einzelne Kinderzimmer: patriarchale und geschichtliche Vorgaben dafür, wie ein Mädchen zu sein hat, bis aus ihm eine Frau geworden ist, die genau das gelernt hat. Mairhofer erzählt das sprachlustig, unverwechselbar und kompromisslos.
Jede Leserin wird Stationen ihrer eigenen Erziehung darin wiederfinden. Und wie viel davon haben wir uns tatsächlich selbst ausgesucht?
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Jung und Jung zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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