„Jeder Genitiv eine Lüge.“ (S. 53)
Der Genitiv ist der Fall der Zugehörigkeit; wer ihm misstraut, misstraut jeder Behauptung, irgendwo hinzugehören.
Sanditz liegt an der Bruchkante. Ein fiktives Städtchen in der Lausitz, dessen Umland der Tagebau längst ausgehöhlt hat und dessen Geschichte für die Familie Wenzel nicht erst mit der DDR beginnt.
Die Altvorderen tragen eine Vertriebenenvita, hier schlesischen Ursprungs, wie sie den gesamten Osten durchzieht. Doch was in anderen Biografien mit der Ankunft endet, findet hier eine Fortsetzung, denn die Bagger, die Dorf um Dorf fressen, wiederholen die Entheimatung mit den Mitteln der Planwirtschaft. Verlust ist in Sanditz die Grundierung der Geschichte. Dass die DDR diese Menschen offiziell „Umsiedler“ nannte, gehört zu den sprachlichen Beschönigungen, gegen die der Roman anschreibt.
Hinzu kommt die Kirche. Die Wenzels sind gläubig und in ihrer Gemeinde engagiert. In den späten Achtzigern also Außenseiter in einem Staat, der seinen Kampf längst nach innen gewendet hat und keine Zwischenräume mehr duldet: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
Rietzschel erzählt diese Konstellation ohne persönliche Wertung. Verluste werden angerissen. Unter der Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und dem Verlust liegt etwas Melancholisches, das an die Halbschatten eines Film Noir denken lässt.
Rietzschels Kunstgriff ist das Verdeutlichen einen mehrfachen Eingesperrtsein. Er stellt zwei Zeitebenen nebeneinander und bedient sie abwechselnd: hier die DDR der Achtziger, ein Land, das seine Bürger hinter Grenzen hält, dort die Gegenwart der Pandemie mit ihren Ausgangssperren und Kontaktverboten.
Aus diesem Wechsel entsteht ein Echo, dass die dargestellte Enge auch für jene lesbar macht, die nie hinter einer Mauer gelebt haben.
In diese doppelte Gefangenschaft oder um es verschärfter zu sagen Unmündigkeit sind weitere Verwerfungen eingelassen: Entheimatung, die sich über Generationen wiederholen, Brüche in Biografien, Traumatisierungen, über die nicht gesprochen wird, Lebenslügen, die längst zum Fundament geworden sind.
Eine Enge steckt in der anderen wie die Figuren einer Matrjoschka.
Multiperspektivisch gefügt, rückt der Roman dabei eine Elterngeneration ins Zentrum, die als Versehrte durch die Jahrzehnte geht und ihre Verletzungen weiterreicht, an die nächste Generation, ohne sie je zu benennen.
Und doch bleibt ein Widerstand. Die Konzentration auf das Graue, auf das Versehrte, ist eine Verdichtung, die zugleich etwas abschneidet. Gewiss, die Tristesse war da. Aber wo ist die andere Seite? Der Einfallsreichtum, den der Mangel hervorbrachte; der politische Witz, der gerade deshalb blühte, weil er die einzige Form war, die Zustände laut und öffentlich auszusprechen; die Kneipe an der Ecke, die nicht nur Ort der Betäubung war, sondern einer der Gemeinschaft. Es fehlen die Freiräume, die sich viele geschaffen haben, um mit den Verhältnissen zu leben, die Enklaven, in denen sich eine Existenz einrichten ließ. Nicht alle konnten oder wollten dieses Land verlassen. Es war Heimat.
Auffällig ist auch die Rolle der Kirche. Ihre Sonderstellung in der DDR ist verbürgt, doch dass sie zum Zentrum eines Ostbildes wird, entspricht eher einem Blick von außen, wie ihn der Roman in einer westdeutschen Figur selbst spiegelt.
Nach rund zweihundert Seiten verschiebt sich etwas. Die Mosaiksteine, bis dahin verstreut über Zeitebenen und Perspektiven, beginnen sich zu fügen. Die Tristesse lässt nach, und mit ihr verändert sich die Sprache: Sie wird bildhafter, beweglicher, gewinnt eine Lebendigkeit, die sich der Anfang versagt hatte.
Spät etwa tritt die Figur eines Paul Schulze auf. Seit fünfzig Jahren im Sauerland zu Hause und nie sonderlich interessiert am grausozialistischen Nachbarn. Nach der Öffnung der Grenze entdeckt er den Osten wie ein spanischer Eroberer einen fremden Kontinent, als sei dort ein Urvolk aufgefunden worden. Durch seinen engen Blick erzählt Rietzschel die Nachwendezeit, und gerade diese Beschränkung gelingt.
Wer die DDR von innen kennt, findet in dieser Figur zugleich einen Zugang zum Autor selbst. Rietzschel, Jahrgang 1994, gehört einer Generation an, die nur nacherzählen kann, was sie nicht erlebt hat, oder zu deuten versucht, was in der Sprachlosigkeit der Eltern verborgen blieb.
Er nähert sich diesem Land von außen, nicht als Eroberer, sondern als Nachgeborener. Was in den ersten Kapiteln befremdete, die Reduktion auf das Graue, wird so als Perspektive lesbar und verliert seinen Stachel.
Ebenso genau gezeichnet sind die Heimis, jene Rückkehrer, die an den Feiertagen in der alten Kneipe einkehren und erkannt werden wollen. Man begrüßt sich, als sei die Zeit stehen geblieben, und spielt einander eine Unverändertheit vor, an die niemand mehr glaubt. Der Tresen ist derselbe. Die Menschen sind es nicht.
Mit dem Krieg in der Ukraine erreicht der Roman die unmittelbare Gegenwart und gehört damit zu den Versuchen deutschsprachiger Literatur, diesen Konflikt zu erzählen. Seelische Verletzungen, die zuvor nur als Leerstellen spürbar waren, werden fassbar, die geschlagenen Wunden nachvollziehbar. Rückwirkend verändert sich damit der Blick auf die ersten zweihundert Seiten. Das Graue erscheint nicht mehr als Urteil über ein Land, sondern als Ausgangslage einer Suche nach Erklärung und Vergebung, nach einem Ort für eine verlorene Generation. Der Ton bleibt melancholisch. Doch die Dunkelheit weicht dem Begreifen.
Eva Menasse hat Sanditz im Literarischen Quartett als den großen DDR-Roman bezeichnet, auf den man seit Jahrzehnten gewartet habe. Die Zuschreibung verfehlt, was das Buch leistet. Seine Stärke liegt nicht in der DDR, die es in den ersten Kapiteln rekonstruiert, sondern in dem, was danach kommt: in der Nachwendezeit, in den Rissen, die sich durch drei Jahrzehnte ziehen und bis in den Krieg der Gegenwart reichen. Sanditz ist ein Roman über das Nachleben eines Landes, erzählt von einem, der es nur aus diesem Nachleben kennt. Darin liegt seine Grenze. Und seine Genauigkeit.
Der große Roman der DDR. Auch das ist ein Genitiv. „Jeder Genitiv eine Lüge.“ (S. 53), wir erinnern uns.
Der Satz misstraut jedem Anspruch, etwas gehöre irgendwem. Wem also gehört dieses Land, wem seine Geschichte, wem die Deutung seiner Grautöne?
Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von dtv und NetGalley zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.



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