„Verlorene Schäfchen „ von Madeline Cash

„Wenn sich ein Schaf verirrt, wird es meistens von Wölfen gerissen, weil es ohne die Herde schutzlos ist.“ (S. 118)

Man verirrt sich selten auf einen Schlag. Man biegt ab, einmal, dann noch einmal, und irgendwann hält man den Umweg für den Weg. Die Schäfchen dieses Romans sind an diesem Punkt längst angekommen. Ihr Hirte, Father Andrews, hat ohnehin genug zu tun: eine Mückenplagr, ein ausgebüxtes Papageienpärchen, das Nüsse auf den Altar wirft, und eine Kirchenbank, die neuerdings leer bleibt.

Sie gehört den Flynns, und dass die Familie fernbleibt, hat mit einem Arrangement zu tun, das Catherine getroffen hat. Auf häusliche Dramen dieser Art hatte ihn das Priesterseminar nicht vorbereiten können.

Die Autorin, Madeline Cash, 1996 in Kalifornien geboren, Mitgründerin des New Yorker Forever Magazine und seit ihrer Erzählsammlung „Earth Angel“ (2023) keine Unbekannte, legt mit „Verlorene Schäfchen“ ihren ersten Roman vor, im Original bei Farrar, Straus and Giroux, auf Deutsch in der Übersetzung von Sophie Zeitz bei Penguin.

Catherine und William, genannt Bud, Flynn haben drei Töchter: Abigail, Louise und Harper. Gelebt wird das traditionelle, patriarchale Modell. Bud sorgt für das Geld, und was er dafür tut, muss man wissen, sonst erschließt sich nicht, weshalb ihm die Augen zufallen: Er arbeitet in der Logistik von Alabaster Harbour und listet dort Container auf, tausendfach, Zeile um Zeile. Wer die Zahlen nie einzuordnen lernt, wird von ihnen eingeschläfert, und dass ihm manches entgeht, scheint von seiner Firma durchaus gewollt.

Catherine ist Mutter, und zwar ohne jedwede Qualifikation. Außer einem Faible für Make-up und Cocktails ist da nicht viel. Ihr Sexualstraftäterinnenzeugnis hängt in der Küche, mehr will man wohl auch nicht wissen. Die Töchter sorgen ab und an für kleine, reizende Ermutigungen, etwa wenn im leeren Kühlschrank der Zettel „GEH EINKAUFEN“ klebt.

Abigail, die Älteste und Schönste, knallt sich tonnenweise Make-up ins Gesicht und geht mit Kriegsverbrecher-Wes.

Louise ist mit dem Platz des mittleren Kindes gestraft: grau, unspektakulär, eine, die ihrem Gegenüber nicht selten ein Gähnen entlockt. In ihr aber brodelt der Neid, auf die Schönheit der einen, auf den Wahnsinn der anderen Schwester. „Sie war die Gefangene ihrer Durchschnittlichkeit.“ (S. 69) Aus dieser Haft befreit sie sich noch medienwirksam selbst.

Harper schließlich, das kleine Genie der Familie, ist der Motor der Geschichte. Sie ist intelligent und versteckt es keineswegs, sozial aber gibt es stets Minuspunkte, denn früher oder später fliegt sie irgendwo auf oder raus.

Als Verschwörungstheoretikerin erinnert nimmt Harper Paul Alabaster, der Firmenherrn und Multimillionär sowie Chef ihres Vaters aufs Korn.

Die Gegenwart dient hier nicht als Kulisse, sie wurde einer wahren Begebenheit nachmodelliert. Wer mag, dem ist nach Genuss des Buches der Name Bryan Johnson, US-Tech-Unternehmer und Longevity-Influencer ans Herz gelegt, zumindest hat dieser Cash zu diesem Buch inspiriert.

Bis die Autorin das ARRANGEMENT einsetzt, läuft alles chaotisch normal, wenn sich diese Ambivalenz so formulieren lässt. Dann damit trifft Catherine eine Entscheidung. Sie öffnet die Ehe, und dem ohnehin wackligen Kartenhaus wird das letzte Fundament entzogen. Was nun erzählt wird, ist abgründig, schwarzhumorig und in seiner Beiläufigkeit zutiefst subtil.

Es ist die Geschichte einer unbedarften Sommerliebe, die von Augenblick zu Augenblick lebte und plötzlich mit drei Kindern endete, einer Schwere, die Catherine, so scheint es, nicht hatte kommen sehen. Ihre künstlerischen Ambitionen gingen in Wäschebergen unter, wobei die Schilderung des Haushalts an der Existenz einer Waschmaschine zweifeln lässt. Mit Mitte vierzig ist sie zu hübsch, um nicht mehr begehrt zu werden; den freien Fall ins Nichts, also ohne Buds Gehaltsscheck, hält sie hingegen für inakzeptabel. Also flink die Ehe öffnen und sich einem zweiten Sexualpartner zuwenden.

Doch wenn ein Satz in diesem Buch zutrifft, dann dieser: „Willst du Gott zum Lachen bringen, erzähle ihm von deinen Plänen.“ (S. 149) Und da müssen einige geplaudert haben, denn es geht drunter und drüber. Witzig, deftig erzählt, alles reichlich überzogen, aber sehr plastisch und erheiternd.

Cash lässt die Puppen tanzen. Pläne scheitern an Egoismus, Selbstzweifeln, Korruption oder Vorteilsnahme, und die eigentliche Komik besteht darin, dass aus dem Gewollten oft das Gegenteil erwächst. So findet man am Ende tatsächlich irgendwie den Ausgang aus dem Labyrinth. Nur bei Father Andrews dürfen Zweifel gehegt werden.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von Penguin Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt ausschließlich meine eigene Meinung wieder.

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